Wenn junge Männer in fremde Kriege ziehen

14. April 2022
Sie wollen im „Kampf gegen das Böse für eine gute Sache sterben“. Junge Männer aus aller Welt, darunter auch aus Wien, brechen auf, um in der Ukraine als Foreign Fighter zu kämpfen. Zwischen Abenteuerlust und Solidarität ist ihnen nicht bewusst, wie ernst der Kriegsalltag ist. Selbst erfahrene Soldaten stoßen an der Front an ihre Grenzen – oder kehren nicht mehr zurück.
 
Von Aleksandra Tulej, Illustrationen: Aliaa Abou Khaddour
 
 
Illustration: Aliaa Abou Khaddour
Illustration: Aliaa Abou Khaddour
 
 
„Wir wollten in der Ukraine gegen die Russen kämpfen für das, was sie meinem Volk angetan haben“, erzählt Imran* entschlossen. „Außerdem ist in den Medien eh alles fake und wir wollten selber sehen, wie es dort wirklich ausschaut.“ Imran ist Anfang zwanzig, lebt schon sein Leben lang in Wien und stammt ursprünglich aus Tschetschenien. Imran und sein Freund haben sich kurz nach Kriegsausbruch in Wien ins Auto gesetzt und sind zur ungarisch-ukrainischen Grenze gefahren. Die beiden hatten keine Ausrüstung dabei und keinen konkreten Plan, wie sie ihr Vorhaben angehen sollten. Den Eltern hatten sie von ihrer Reise nicht erzählt. Bloß eine Jogginghose und ein paar Snacks hatten sie mit im Gepäck. Mehr war laut Imrans Einschätzung auch nicht notwendig: „Wir sind eh mit dem Wissen oder eben der Vorstellung hingefahren, dass wir dort früher oder später sterben“, sagt er emotionslos. „Ich dachte mir, wenn wir bei der Grenze ankommen, werden uns die Grenzsoldaten an jemanden vermitteln, der uns dann alles zeigt, uns Ausrüstung gibt und uns trainiert.“ Doch die Vorstellung der jungen Männer, mit offenen Armen in der Ukraine empfangen zu werden, wurde schnell zunichte gemacht.
 
„Wir haben keine Zeit, um Anfänger einzuschulen!“
 
Imran und sein Freund wollten als Foreign Fighter in der Ukraine gegen Russland kämpfen. Foreign Fighter, also internationale Söldner, sind Freiwillige, die für ein anderes Land in den Krieg ziehen – ergo nicht die Staatsbürgerschaft dieses Landes besitzen. Laut Angaben der ukrainischen Regierung zählt die Ende Februar aufgestellte internationale Legion der Territorialverteidigung der Ukraine rund 20.000 Mitglieder, wobei sich die Angaben nicht genau überprüfen lassen. Laut BMEIA haben sich eine „Hand voll Österreicher:innen hinsichtlich einer möglichen Beteiligung an Kampfhandlungen in der Ukraine gemeldet.“ 
Diese Personen wurden dann laut dem Außenministerium ausdrücklich darauf hingewiesen, dass ihnen die Staatsbürgerschaft entzogen werden kann, sollten sie sich den Kampfhandlungen der ukrainischen Armee anschließen. „Dies gilt auch für österreichische Staatsbürger:innen, die freiwillig für eine organisierte bewaffnete Gruppe aktiv an Kampfhandlungen im Ausland im Rahmen eines bewaffneten Konfliktes teilnehmen, wenn sie dadurch nicht staatenlos werden“ heißt es. Laut offiziellen Angaben kämpfen gerade keine österreichischen Staatsbürger:innen in der Ukraine – aber das BMEIA hat keine Informationen darüber, was die kampfwilligen Österreicher:innen getan haben, nachdem sie abgewiesen worden waren. Der Verteidigungs-Attaché der Ukraine in Österreich gibt keine Angaben zu der Anzahl an Anfragen weiter. „Wir arbeiten nicht mit Legionären“, heißt es am Telefon. 
 
Keine Kampferfahrung, keine Chance
Doch wie sieht es auf internationaler Ebene aus? Auf der Seite fightforua.org, die vom ukrainischen Außenministerium geführt wird, finden Interessierte die nötigen Infos. „Join the Brave! Join the Legion and help us defend Ukraine, Europe and the whole world!“, liest man dort. Hier werden auch Informationen zum Aufnahmeprozess sowie Kontakt-Telefonnummern für 60 Länder angeführt, darunter auch eine für Österreich. Ich bitte einen Freund darum, dort anzurufen. Natürlich nicht unter seinem echten Namen. Er wählt die Nummer, nach längerer Zeit hebt jemand ab. Er gibt sich als der 27-jährige Kristjan aus, der als österreichischer Staatsbürger für die Ukraine kämpfen will. Die Stimme am Telefon nuschelt etwas auf Ukrainisch, dann wird er gefragt, ob er denn Kampferfahrung hat. „Nein, aber ich möchte kämpfen und dem ukrainischen Volk helfen“, sagt ‚Kristjan‘. „Wir brauchen nur Menschen mit viel Erfahrung, wie ehemalige Soldaten. Wir haben keine Zeit, um militärische Anfänger einzuschulen“, bekommt er zu hören. „Ich spreche mehrere Sprachen und kann schnell laufen“, versucht ‚Kristjan‘ es weiter. „Wir haben keine Verwendung dafür, aber danke für die Unterstützung. Ich schreibe mir Ihre Nummer auf und wir werden Sie anrufen, wenn wir Verwendung für Sie haben.“ 
 
 
„Meine Familie hat mich als Nazi bezeichnet“
 
Er hat die Anforderungen erfüllt: Der 19-Jährige Belarusse Nikita ist gerade an der ukrainischen Front. Er ist Boxer, hat Kampferfahrung und will für die Freiheit und Unabhängigkeit der Ukraine kämpfen. Der Großteil seiner Familie hat den Kontakt zu ihm abgebrochen und ihn als Nazi bezeichnet, als er sich der ukrainischen Fremdenlegion anschloss. Wie genau der Aufnahmeprozess aussah und ob er bezahlt wird, darf und will er nicht verraten. Auf Instagram posiert er in seiner Uniform, an der die Ukrainische und die weiß-rot-weiße belarussische Flagge angenäht sind. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 war die weiß-rot-weiße Flagge zur Nationalflagge von Belarus erwählt worden. Die offiziell anerkannte Flagge des Landes heute ist rot-grün. Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko hatte diese 1995 eingeführt, als Symbol der Erinnerung an die Sowjetunion. Die Flagge, die Nikita trägt, symbolisiert ein „Belarus ohne Lukaschenko.“ Ich bleibe mit ihm einige Tage in Kontakt, er teilt auch mehrmals am Tag Postings des ukrainischen Präsidenten Zelenskyy. Dann bricht der Kontakt ab. Nikita antwortet nicht mehr, und teilt auch nichts mehr auf seinem Profil. Bis Redaktionsschluss erfahre ich nicht, was mit ihm passiert ist. 
Illustration: Aliaa Abou Khaddour
Illustration: Aliaa Abou Khaddour
 

 

Als Russe für die Ukraine kämpfen
 
Jan* ist Russe und befindet sich gerade östlich von Kiew - auch er kämpft für die ukrainische Seite. Aufgrund politischer Repressionen und seiner regimekritischen politischen Aktivitäten in Russland ist er vor vier Jahren in die Ukraine gezogen - und hatte sich direkt nach Kriegsausbruch bei der ukrainischen Armee gemeldet. "Es war auf jeden Fall eine politisch motivierte Entscheidung", sagt er am Telefon. Jan hat Kampferfahrung - so kämpfte er 2015 für das berüchtigte Azov-Bataillon. Das Azov-Regiment ist dem ukrainischen Innenministerium untergestellt und stark umstritten: Die Einheit gilt aufgrund rechtsextremer Positionen vieler Mitglieder und deren Symboliken als ultranationalistisch. So wird Azov ein Neonazi-Image nachgesagt. Als ich ihn darauf anspreche, meint Jan: "Es sind ganz sicher welche dabei. Aber jetzt verteidigt Azov Mariupol und wird hier deshalb von der Bevölkerung respektiert." Jan hatte sich geweigert, den Militärdienst in Russland anzutreten. In seinem Bataillon wissen alle, dass er Russe ist - er versteckt es auch nicht. "Es gab bisher nie Probleme damit, nach Außen erzählt mein Kommandant aber zur Sicherheit,dass ich Belarusse bin.", so Jan. "Ich selbst schieße nicht, was wir machen ist eher mit Drohnen die Frontregion zu erkunden und zu sichern, oder den Flüchtenden in die humanitären Korridore zu helfen." Der 30-Jährige hat seiner Familie in Russland erzählt, er würde in der Ukraine humanitäre Hilfe leisten und in einer Suppenküche aushelfen. "Sonst könnte meine Familie drüben echt Probleme kriegen". Nach Russland wir er nicht mehr zurück können, das weiß er. Jan hat bei der ukrainischen Armee einen Vertrag unterschrieben. Es hatte bürokratische Hürden gegeben, aber durch einen befreundeten Kommandanten war es für ihn möglich, sich der Armee anzuschließen. "Am Anfang wurde alle genommen, die sich bei der Territorialverteidigung gemeldet haben, aber dann wurde relativ schnell klar: Es werden solche mit Kampferfahrung bevorzugt." Jan kann verstehen, wieso man aus einer politischen oder emotionalen Motivation heraus auch als Ausländer für die Ukraine kämpfen will. "Aber wenn du 19 Jahre alt bist und noch nie irgendwo gekämpft hast, ist es wahrscheinlich nicht die beste Idee."  Imran hat im Gegensatz zu Jan und Nikita keine militärische Erfahrung, den Grundwehrdienst beim Bundesheer hat er nicht gemacht, da er wegen einer Verletzung an seinem Arm als untauglich eingestuft worden war. „Aber ich kenne mich mit Waffen eh aus. AK schießen kann ich“, erzählt er selbstbewusst. Er hatte einige Tage zuvor auf Social Media einen Aufruf gesehen, dass man aus aller Welt in die Ukraine kämpfen kommen kann. Kontaktpersonen hatten sie dort keine, er kennt auch keine anderen ‚Foreign Fighter‘ im Territorium. Während auf der einen Seite des Grenzübergangs eine lange Autokolonne aus der Ukraine nach Ungarn stand und unzählige Menschen es aus dem Land schaffen wollten, wollten Imran und sein Freund hinein.
 
„Wenn du unbedingt sterben willst, dann nicht so sinnlos!“
 
Zuerst hatten sie den Grenzbeamten erklärt, dass sie dringend ein Auto in der Ukraine abholen müssen, das haben ihnen die Beamten aber nicht abgekauft. Sie dürften es schon geahnt haben. Als sie zugegeben haben, warum sie hier sind, hat einer der Grenzsoldaten ihnen auf Russisch die Leviten gelesen: „Du bist so jung, du hast so ein gutes Leben in Österreich. Du weißt gar nicht, wie gut du es hast. Bitte, Jungs, fahrt wieder nachhause. Krieg ist nie gut, wir lassen euch hier nicht durch.“ Er ließ nicht mit sich diskutieren. „Wenn du unbedingt sterben willst, dann nicht so sinnlos.“ Das waren seine abschließenden Worte, danach mussten die Jungs wieder umkehren. Das hat Imran und seinen Freund verärgert. „Wir hatten uns das halt anders vorgestellt“, gibt er zu. Als ich ihn frage, ob ihm klar ist, dass dieser Mann ihm womöglich sein Leben gerettet hat, winkt er ab: „Na und?“ Imran hat eine Lehre zum Installateur gemacht, ist derzeit arbeitslos. Pläne für die Zukunft hat er nicht wirklich. Wie Imran sich sein Leben in zehn Jahren vorstellt? „Ich sag’s dir ehrlich: In zehn Jahren bin ich wahrscheinlich tot.“ Ich kläre ihn darüber auf, dass, selbst wenn er überleben sollte, ein Verfahren über den Entzug der Staatsbürgerschaft eingeleitet werden wird, sobald er für die Ukraine kämpft. Auch das scheint ihn nicht sonderlich zu beeindrucken, hingegen gibt er mir seine Bedenken mit auf den Weg: „Weißt du, das ist ja immer dasselbe: Wenn Muslime sterben, interessiert es keinen. Schau dir mal die anderen Kriege an: Palästina, die beiden Tschetschenienkriege und so.“ Er zeigt sich verärgert über die Doppelmoral beim Umgang mit Geflüchteten in Europa. „Wenn eine muslimische Frau mit ihren Kindern irgendwo an einer Grenze stirbt, kümmert es niemanden. Aber sobald es Österreicher sind, oder eben europäische Leute, finden es alle auf einmal arg und schlimm. Ich habe ja die österreichische Staatsbürgerschaft, vielleicht hätte es dann jemanden interessiert, wenn ich hingegangen wäre“, resümiert er. 
Illustration: Aliaa Abou Khaddour
Illustration: Aliaa Abou Khaddour
 
"Der Krieg ist eine Art Medizin" - Das Aufnahmeverfahren
 
 Wenn sich Menschen aus dem Ausland der Armee anschließen wollen, werden sie zuerst zu ihrem militärischen Hintergrund befragt, berichtet der ZDF in der Doku "Ex-Bundeswehrsoldat: Warum ich im Ukraine-Krieg kämpfe". Je nach Erfahrung wird entschieden, wo der Soldat eingesetzt wird: ob an der Front, an Kontrollpunkten oder in einer anderen Funktion. ZDF-Reporter Jörg Brase nennt den Grund, weshalb die Fremdenlegion öffentlich aus dem Blickfeld geholt wurde: Ein Truppenübungsplatz der Fremdenlegion in der Nähe des westukrainischen Lviv wurde, so Brase, vor zwei Wochen von der russischen Armee angegriffen und mit Raketen beschossen. Einer von den beschossenen Soldaten ist der ehemalige deutsche Bundeswehrsoldat Mehmet. Er hat viel Kampferfahrung, war auch schon in Afghanistan im Einsatz. Er ist seit einem Monat in der Ukraine. Wie viele Menschen er getötet hat, weiß er nicht und will er nicht wissen. Er will die Ukraine unterstützen, vor allem die Kinder, die ihre Eltern verloren haben, wie er im Video-Interview mit der ZDF-Journalistin Julia Klaus erzählt. Sein Gesicht ist bis zur Hälfte verhüllt, seinen Nachnamen nennt er nicht. Ob er bezahlt wird? Er hat einen Vertrag unterschrieben, verzichtet aber freiwillig auf eine Vergütung. Mehmet leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung nach seinen Bundeswehr-Einsätzen und betrachtet diesen Einsatz in der Ukraine als eine Art „Medizin“, wie er sagt. Für deutsche Staatsbürger ist es, anders als in Österreich, grundsätzlich nicht illegal, in der Ukraine zu kämpfen – es käme aber auf den Einzelfall an. Für den an der Grenze abgewiesenen Imran wäre die Lage rein rechtlich wesentlich schwieriger geworden.
 
„Dort kämpfen Kuffar gegen Kuffar, was hast du dort verloren?“
 
Soweit kam es aber nicht. Wieder Zuhause in Wien angekommen, brach eine Diskussion zwischen Imran und seinen Eltern aus. Sie hatten von seinem Vorhaben Wind bekommen. "Das ist ein Kafir-Krieg. Da kämpfen Kuffar (*dt: „Ungläubige“)  gegen Kuffar. Was hast du dort verloren?“, fragte ihn sein Vater. „Wenn du so unbedingt kämpfen willst, dann such dir einen Krieg aus, in dem es Muslime betrifft, und geh dorthin die Leute verteidigen.“ Erst die Worte seines Vaters schienen bei Imran Wirkung zu zeigen. „Er hat eh recht. Denn im Endeffekt sind das eh Faschisten gegen Faschisten. Politiker haben halt Ansehen. Putin macht was er will, der ist 2040 noch Präsident. Jede Wahl ist gefälscht. Und Kadyrow ist wie sein Hund an der Leine. Die Tschetschenen, die für Kadyrow kämpfen, sind in meinen Augen keine echten Tschetschenen. Ich mein, schau‘ dir mal die Geschichte an“, sagt er. Imran spricht hier von den „Kadyrowzy“, der Armee des Tschetschenischen Machthabers Ramzan Kadyrow. Er wird medial oft als „Putins Mann für das Grobe“ betitelt. So haben tschetschenische Kämpfer auch auf der russischen Seite in Syrien gekämpft, aktuell sind auch mehrere Truppen in die Ukraine entsandt worden. Kadyrow verkündete Mitte April in einem Telegram-Video, dass eine Offensive auf Mariupol, Donezk, Luhansk und zuletzt auf Kiew geplant sei. Die Beziehungen zwischen Tschetschenien und Russland sind aber seit Jahrhunderten von Unterwerfung und Widerstand geprägt. So wurden 1944 rund 500.000 Tschetschen:innen und Ingusch:innen durch den damaligen Ministerpräsidenten der Sowjetunion, Josef Stalin, aus ihrer Heimat nach Zentralasien deportiert. Anfang der 1990er Jahre, nach dem Zerfall der Sowjetunion, erklärte Tschetschenien die Unabhängigkeit gegenüber Russland. Darauf folgten die beiden Tschetschenienkriege – der erste von 1994 bis 1996, der zweite von 1999 bis 2009. Die Tschetschenen waren das erste Volk, das Putins Brutalität gespürt hat. Auch Ramzan Kadyrow und davor sein Vater Achmad Kadyrow standen einst gegen Putin – bis dieser sie mit finanziellen Mitteln und Versprechungen auf seine Seite brachte. Nun ist Kadyrow also seit Jahren loyal gegenüber Putin. Die Sachlage ist so chaotisch wie komplex. 
 
„Es interessiert sich keiner für dich, wenn du stirbst.“
 
Auch der 29-jährige Texaner Jordan, mit dem ich auf Umwegen in schriftlichen Kontakt trete, wollte sich der ukrainischen Fremdenlegion anschließen. Jordan, der früher bei dem „United States Marine Corps“ als Soldat tätig war, wollte in die Ukraine, da er „nicht zusehen kann, wie so viele Ungerechtigkeiten passieren – vor allem der Zivilbevölkerung gegenüber.“ Jordan wurde allerdings schon von der ukrainischen Botschaft in Texas abgelehnt, da er sich eine Verletzung zugezogen hatte, als er „für sein Land kämpfte.“ Wo und wie will er nicht preisgeben. Er will sich allerdings auf den Weg nach Kharkiv machen, um dort humanitäre Hilfe zu leisten, wenn er schon nicht kämpfen darf. Angst davor, dort zu sterben, hat er nicht. Der 19-jährige Sebastian, Soldat in der polnischen Armee, sieht das anders. Er ist gerade vier Kilometer vor der ukrainischen Grenze stationiert. Am Telefon erzählt er mir davon, dass er nicht nachvollziehen kann, wie man sich jetzt freiwillig in die Ukraine begeben kann. „Schau, wir machen hier unseren Job. Wir haben unsere Wachposten, wir sind hier. Aber wir hören schon immer wieder Explosionen auf der anderen Seite, also bei den Ukrainern. Das ist nicht so ohne.“ Eigentlich dürfe er mir ja nichts erzählen, da er eine Geheimhaltungsklausel hat, öffentlich würde er das auch nicht sagen, da er vor den anderen Soldaten „nicht als Weichei dastehen“ wolle. Aber er will etwas loswerden: „Wir haben uns am Anfang auch gedacht, dass das ja ganz spannend wird, eine Art Abenteuer. Aber mit jedem Tag haben wir weniger Lust, hier zu sein. Ich wäre so viel lieber bei meiner Familie, bei meiner Freundin. Es gehen so viele Menschenleben drauf, und wofür?“, fragt er nachdenklich. Ob er mit der Zeit nicht abstumpfen würde? „Eher umgekehrt. Aber was weiß ich schon: Wir sind hier ja in Sicherheit. Diese Jungs Erfahrung sind dann einfach Kanonenfutter. Sie meinen es gut, aber Helden sind das keine. Im Endeffekt interessiert sich keiner für dich, wenn du irgendwo in einem Krieg stirbst“
 
 
 
*Namen von der Redaktion geändert
 
 
 
 

Das Märchen vom martialischen Helden - 

 eine Hintergrundanalyse

 

Foreign Fighter spielen in den meisten militärischen Konflikten eine große Rolle. So auch jetzt im Angriffskrieg auf die Ukraine. Verschiedene Söldner-Truppen kämpfen auf beiden Seiten. Darunter fällt laut dem britischen Verteidigungsministerium auf russischer Seite auch die Wagner-Gruppe, eine rechte russische Söldner-Miliz, die die Separatisten unterstützt, von deren Einsatz in der Ukraine der Kreml nichts wissen will. Die EU wirft ihnen schwere Menschenrechtsverstöße vor und verhängte im Dezember Sanktionen. So hatten Soldaten der Wagner-Truppe 2018 in Zentralafrika drei Kreml-kritische Journalisten getötet oder Videos veröffentlicht, auf denen sie syrische Soldaten foltern.

Aber auch auf der ukrainischen Seite gibt es immer mehr Foreign Fighters. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelenskyy verkündete in den ersten Tagen nach Kriegsausbruch: „Jeder, der sich der Verteidigung der Ukraine, Europas und der Welt anschließen will, kann kommen und Seite an Seite mit den Ukrainern gegen die russischen Kriegsverbrecher kämpfen.“ Söldnertum gilt international als umstritten und hat eine lange Geschichte. Es macht aber in der Praxis einen Unterschied, ob erfahrene (Ex-)Soldaten in den Krieg ziehen, oder junge Männer, die rein von der Idee fasziniert sind. Dennoch: „Die meisten Söldner waren junge Burschen, die einmal als reguläre Soldatenin einen Krieg gegangen sind und dort zumindest psychisch zerstört wurden. Nur wenige schaffen es, den Krieg hinter sich zu lassen, für die meisten geht der Krieg im Kopf weiter“, so Fabian Reicher von der Beratungsstelle Extremismus. „Ständige Gereiztheit, ein Übermaß an Explosionsbereitschaft, ein Leben in tiefster Depression und Ohnmacht, Suizide oder Amokläufe sind die Folge. Die Alternative: Wieder in den Krieg gehen. Irgendwo wird immer gekämpft.“ 

"Irgendwo wird immer gekämpft"

Die Motive dafür, für ein fremdes Land zu kämpfen, sind unterschiedlich. Für manche bedeutet es eine Solidaritätsbekundung, für andere Abenteuerlust, und wieder andere sehen sich im Kampf gegen die Ungerechtigkeit – für alle gilt es aber auch als Beweis von Männlichkeit und Stärke. Das Phänomen ist kein Neues, doch scheint die Auffassung dieser Narrative vor allem in Westeuropa diesmal eine andere zu sein als in den Kriegen der letzten Jahre – wie in Syrien oder Palästina, aber auch im Jugoslawienkrieg oder in den Tschetschenienkriegen.

„Internationale Mobilisierungen“ gab es schon immer. Beispielsweise haben auch im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) oder in den Jugoslawienkriegen (1991-1995)  Menschen aus Österreich gekämpft. „Das hat allerdings niemanden interessiert. Zum Thema wurden die Foreign Fighters erst im Februar 2014, als zwei Mädchen aus Wien nach Syrien ausgereist sind. Auch daran kann man  gut erkennen, wie tief traditionelle Rollenbilder auch bei uns verankert sind“, so Reicher. „Der große Unterschied zu damals: Es ist scheinbar ganz klar, wer die ‚Bösen‘ und wer die ‚Guten‘ sind. Und nicht nur das - anstatt zu beruhigen, verfallen neben dem Boulevard auch liberale Medien in eine Art ‚Kriegsgeilheit‘ und stellen den Krieg als eine Art ‚Event‘ dar, bei dem man die ‚gute Seite‘ anfeuert, die ‚für unsere Werte und Freiheit kämpft‘, wie es u.a. Bundeskanzler Nehammer gesagt hat“, so Reicher. 

Salonfähige Krieger

Seit Kriegsbeginn sieht man die immer wiederkehrenden Narrative des Heldenhaften, Martialischen, Kriegerischen, Männlichen, fast schon Patriotischen. Dabei sind das alles Narrative, die in den letzten Jahren von der Mehrheitsgesellschaft sehr kritisch betrachtet wurden. Medien titeln auffallend auf ihren Titelseiten „Wolodymyr Zelenskyy – der Held des Westens“, über Nacht wurde das ukrainische Volk zu einer bejubelten Kämpfer-Nation, die vor allem in Westeuropa mit Bewunderung und Demut angesehen wird. Bilder von Frauen, die gestern noch mit Blumenkranz posiert haben, und heute eine Waffe in der Hand halten, gehen um die Welt. Die Zivilbevölkerung, die zur Verteidigung Molotow-Cocktails baut. Fotos von kleinen Mädchen mit Waffe und Lollipop werden vielfach auf Social Media geteilt. Eine Figur wie Zelenskyy oder Klitschko schindet Eindruck – auch die Aufforderung, das Land und die Kultur zu verteidigen, das sonst zu verschwinden droht. Aber welchen Einfluss hat dieses fast schon salonfähige Kriegertum auf junge Menschen in Wien? 

„Junge Männer sind besonders auf der Suche nach Anerkennung und Erfolg. Sie wollen Helden werden und für eine gerechte Sache kämpfen. Wie auch in Syrien. Das Leid der syrischen Zivilbevölkerung war wohl das zentrale Motiv bei der Ausreise nach Syrien. Der IS und die dschihadistische Erzählung waren vor allem für Tschetschenen zweitrangig, ihnen ging es hauptsächlich um den Kampf gegen Putin“, so Reicher. „Und es gibt viele Möglichkeiten, ein ‚Held‘ zu werden. Man kann auch ohne Waffen für Gerechtigkeit kämpfen, aber dafür braucht es Angebote. Mehr Waffen und mehr Kämpfer bringen keinen Frieden. Wenn ihr den Menschen in Syrien wirklich helfen wollt, ist das der falsche Weg. Das haben wir den Jungs 2014 immer wieder gesagt und gemeinsam mehrere Spendenprojekte für die Zivilbevölkerung umgesetzt.“ 

 

 

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