“Sie haben vor nichts Angst” - Wie die GenZ die Proteste im Iran anführt

29. September 2022
 

Der Tod von Jina Mahsa Amini hat im Iran eine weite Protestwelle ausgelöst. Diese Proteste sind jedoch anders als bisher, wie Stimmen aus dem Iran berichten. Das hat nicht zuletzt mit der iranischen GenZ zu tun, die gerade an vorderster Stelle gegen das Regime ankämpft: Eine Generation, die nur das Leben unter der islamischen Regierung kennt – aber durch TikTok&Co eine sie andere Art von Revolution startet. Eine, bei der das Regime nicht mithalten kann.

Von Sara Mohammadi

Was an den Protesten diesmal anders ist

“Sogar streng religiöse Menschen, die bisher das iranische Regime befürwortet haben, wenden sich jetzt von diesem ab.”erzählt der 36-Jährige Mohsen aus Teheran. Seit Tagen finden landesweit Proteste im Iran und Kurdistan in Folge der Ermordung der 22-jährigen Jina Mahsa Amini durch die iranische Sittenpolizei statt. Im Iran sind in den letzten Jahren immer wieder Menschen auf die Straße gegangen: Um gegen das Regime, die steigenden Ölpreise oder das brutale Vorgehen der Sittenpolizei zu demonstrieren.“Diese Proteste jetzt sind jedoch anders”, so Mohsen. Im Gegensatz zu früheren Demonstrationen nehmen viele verschiedene Bevölkerungsgruppen an den Demonstrationen teil. So gingen die Proteste von den kurdischen Gebieten aus in viele verschiedene iranische Städte über. Bei diesen nehmen klassenübergreifend sowohl sozial schwächere als auch wohlhabendere Menschen teil.

Ziel ist die Abschaffung des gesamten Regimes

Jina Mahsa Amini wurde aufgrund ihres angeblich zu locker sitzendem Kopftuchs von der iranischen Sittenpolizei festgenommen und getötet. Die Sittenpolizei besteht vorwiegend aus Männern, aber auch streng religiösen Frauen, die systematisch Frauen und nicht-binäre Personen belästigen und festnehmen. In ihrem Gewahrsam können Frauen auch gefoltert und durch ein Gericht zum Tode verurteilt werden. Normalerweise werden die Familien dieser misshandelten und getöteten Frauen vom Regime so eingeschüchtert, dass sie sich nicht trauen, sich öffentlich zu äußern. Bei Jina Mahsa Amini war das anders. Ihre Familie hat von Anfang an mit Medien gesprochen und die Lügen der iranischen Polizei, dass Amini angeblich an einem Herzinfarkt verstarb, widerlegt. Als Zeichen der Solidarität mit Jina Mahsa Amini schneiden sich Frauen im Iran nun die Haare ab, gehen ohne Hijab außer Haus und verbrennen ihre Kopftücher. Jedoch richten sich die Proteste mittlerweile nicht nur gegen das Kopftuch – das Kopftuch steht symbolisch da, es geht aber um mehr:  Das Ziel der Proteste ist mittlerweile ganz klar die Abschaffung des islamischen Regimes, wie sich immer mehr herauskristallisiert. Eine weitere Augenzeugin, Lale (47) meint hoffnungsvoll: "Diesmal werden die Proteste erfolgreich sein. Ich weiß nicht, ob eine Revolution kommen wird, aber der Niedergang des Regimes ist nah. Ich spüre es.“

 

 

 

 

Junge Menschen gegen das System

Tausende Menschen in Iran demonstrieren und stellen sich mutig den dortigen Sicherheitskräften, die mit Tränengas, Schlagstöcken und Waffen bisher erfolglos versucht haben, die Proteste niederzuschlagen. Laut der NGO Iran Human Rights wurden mindestens 76 Menschen umgebracht, über 1000 wurden verhaftet. Auffallend ist, wie jung die verhafteten und getöteten Iraner:innen sind, viele sind in den späten 1990ern und 2000ern geboren

Von den 84 Millionen Einwohner:innen Irans sind 60 Prozent unter 30 Jahre alt, es handelt sich also um eine sehr junge Bevölkerung. Es ist eine Generation, die nur das Leben in der islamischen Republik kennt. Auch die iranische GenZ ist im Internet aufgewachsen, obwohl Social-Media-Seiten wie Instagram oder TikTok nur mit VPNs erreichbar sind. Sie haben gelernt, Regeln zu umgehen, weil sie so aufgewachsen sind. Sie bewegen sich somit in Sphären, die die Regierung nicht kontrollieren kann. Sie wissen, durch Kontakt zu Verwandten im Ausland, aber auch durch Serien und Filme, wie andere Menschen in Freiheit leben.  “Die Generation der Protestierenden hat sich geändert”, erklärt Mohsen. “Ihr moderner Lebensstil unterscheidet sich von sehr vom Lebensstil, den das Regime propagiert.” Der GenZ stößt dem Regime schon seit einiger Zeit sauer auf, neben den strengen Gesetzen und Regeln kommt der wirtschaftliche Druck hinzu: die Inflation im Iran beträgt 52,2% , die Jugendarbeitslosigkeit bei 15-24 Jährigen liegt bei 24,5%

Der Lebensstil junger Iraner:innen passt nicht mehr zu dem des Regimes

Millennials, aber vor allem die Generation Z stehen an vorderster Front bei den Protesten im Iran. Neben dem kurdischen Spruch "Jin, Jiyan, Azadi"  (auf Deutsch „Frauen, Leben, Freiheit“), rufen sie Parolen wie “Tod dem Diktator”, “Dieses Jahr ist das Jahr des Blutes, Seyyed Ali Khamenei   (anm. d. Red: „Oberster Religionführer“ im Iran) wird gestürzt werden!” und “Khamenei ist ein Mörder, seine Regierung ist ungültig!” Sie werfen Steine und Flaschen auf Basijis, der paramilitärischen Miliz im Iran, junge Frauen stellen sich ohne Kopftuch den Polizisten gegenüber. Lale* bekräftigt: “Die junge Generation lässt sich nicht von den Zwängen und der Kopftuchpflicht des iranischen Regimes unterdrücken. Sie haben vor nichts Angst.”

 

 

 

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