Pro und Contra Klimaaktivismus in Museen

15. November 2022

Sie kleben sich an Kunstwerken fest, errichten Straßen-Blockaden und schütten Öl auf Gemälde: Klima-Aktivist:innen der der "Letzten Generation" wollen damit auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam machen. Die Proteste der Klimagruppe dauern an, wie heute im Leopold-Museum in Wien. Bei der Meinung, inwiefern diese Form des Aktivismus förderlich oder kontraproduktiv ist, scheiden sich die Geister. Die einen finden es gut und wichtig, die anderen stehen dem kritisch gegenüber. Auch innerhalb der biber-Redaktion: Ein Pro und Contra zum Thema Klimaaktivismus in Museen. Wie steht ihr dazu?

 

PRO: "Papa, warum habt ihr nichts unternommen?" 

von Amar Rajković

„Klima-Terroristen“, „Klima-Chaoten“, „Klebt sie an Zellenwänden fest!“. Wenn junge Menschen aktiv werden, um gegen den drohenden Klimakollaps unseres Planeten zu demonstrieren, verliert so manch einer von den Kritikern seine Contenance. Die Aktivist:innen werden wüst beschimpft, mit Gewaltfantasien bedacht, ihre Anliegen als hysterisch und unwahr bezeichnet. Gerade eben haben Mitglieder der „Last Generation“ im Leopold Museum ein Gemälde von Gustav Klimt mit Öl übergossen. Das Museum war zum Zeitpunkt des Zwischenfalls rege besucht, weil am heutigen „Leopolditag“ der Eintritt gratis ist. Die Methode, weltbekannte Kunstwerke, die als kulturelles Erbe unserer westlichen Welt verstanden werden können, anzupatzen, scheint mir fragwürdig. Trotzdem unterstütze ich die Anliegen der Klimaaktivist:innen. Warum? Als Vater eines vierjährigen Buben muss ich die „Klima-Terroristen“ unterstützen. Ich möchte, dass mein Sohn, Schnee in seinen Händen spürt, ohne auf einen Gletscher fahren zu müssen. Ich möchte, dass er sein Leben nicht unter einer Klimaanlage verbringen muss. Ich möchte, dass er Fleisch (falls er nicht Vegetarier wird) von glücklichen Tieren isst. Er soll durch Autofreie Alleen und Straßen herumschlendern, ohne die Schadstoffe einatmen zu müssen. Vom gesundheitsschädlichen Lärm ganz abgesehen. Ich will nicht, dass mich mein Sohn eines Tages vorwurfsvoll fragt: „Papa, warum habt ihr nichts unternommen?“ Ich finde es übrigens immer wieder faszinierend, wie wenig Platz uns in der Stadt zum Leben gegönnt wird. Ja, auch das ist einer der Gründe, warum Kids aus gut situierten Familien Gemälde mit Öl übergießen oder sich freiwillig auf die Straße kleben. Es geht um ihre Zukunft und nicht um die ein, zwei Jahrzehnte der Klimademo-Kritiker, die zehn Minuten länger in ihren fetten Karren mit Sitzheizung ausharren müssen. Die Jugendlichen haben zwei Jahre lang die Arschkarte gezogen. Corona, Quarantäne, Absage der Maturareise, mühsame Maßnahmen in der Schule. Dabei wollen alle Jungen leben. Das ist ihr gutes Recht! Zuerst beschweren wir uns, dass die Jugend so unpolitisch ist und wenn aber unser Nachwuchs jetzt auf die Straßen geht, werden sie zu Terroristen diffamiert. Das ist schäbig und sagt mehr über den Absender als den Empfänger dieser Worte. Klar, wenn ein Rettungswagen behindert oder ein Kunstwerk beschädigt wird, finde ich das nicht in Ordnung. Aber zivilen Gehorsam oder Widerstand unterbinden zu wollen, ist höchst anti-demokratisch. Daher: Raus auf die Straße!

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

 

CONTRA: Kleben für’s Klima?

von Nada El-Azar-Chekh

So wichtig die Message ist – es tut irgendwo auch ganz schön weh zu sehen, wenn sich wieder einmal Aktivisten der sogenannten „Letzten Generation“ an Kunstwerken in Museen festgeklebt haben, oder alternativ mit Farbe überschütten, wie es kürzlich etwa im Leopold Museum geschehen ist. Für mich waren Museen zwar immer Orte der Reflexion und eine Bühne für politische Debatten – aber ich bezweifle, dass derartige Aktionen den erwünschten Nutzen haben, Menschen endlich auf die Klimakrise bezogen „aufzurütteln“. Liest man die Kommentarspalten unter den Medienberichten, ist schnell klar: Die Menschen sind nur noch genervt, statt aufgerüttelt. Kommentare wie „Lasst sie kleben!“, sind ein gutes Beispiel dafür, was von diesen Aktionen übrigbleibt. Von den verheerenden Folgen einer Erderwärmung um 2,5°C ist da selten die Rede. Zudem hindert der Trotzeffekt viele Menschen noch eher daran, sich mit dieser ernsten Thematik auseinanderzusetzen. Und Autos stundenlang mit laufenden Motoren auf Kreuzungen aufzuhalten, ist sicherlich genauso förderlich für die Sache, wie sich an einem Dinosaurierskelett im Naturhistorischen Museum festzukleben. Bei meinem letzten Museumsbesuch merkte ich schnell, welchen unangenehmen Nebeneffekt die Protestaktionen noch mit sich bringen: Als junger Mensch wird man von den Aufsehern schnell unter Generalverdacht gestellt und regelrecht beschattet. Vielmehr sollten die Einrichtungen großer Konzerne und der Politik Ziel solcher Aktionen werden. Die Empörung darüber, dass etwas so Unantastbares wie Kunst Ziel von Attacken werden kann, überschattet medial gleichzeitig auch wirklich gute Ideen, wie die Blockade von Privatjets am Flughafen Schiphol in Amsterdam. Denn in solchen Privatjets sitzen diejenigen, die wirklich die Macht haben, etwas Großes zu ändern: PolitikerInnen, Lobbyisten, oder auch international erfolgsreiche Popstars mit großer Reichweite. Rund das 14-fache der Menge CO2 wird auf einem Privatflug ausgestoßen, im Vergleich zum Linienflug. Ob der normale Museumsbesucher daran etwas ändern kann, dass eine Elite immer mehr auf private Flüge setzt?

 

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

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