„Niemand mag dicke Menschen!“ - Bodyshaming in Migra-Familien

14. April 2022

bodyshaming
Autorin Maria Lovrić-Anušić.

Groß, schlank und normschön – Wer diese Kriterien in einer Migra-Familie nicht erfüllt, kann sich oft dumme Sprüche anhören. Ob am Esstisch im engsten Kreis oder vor versammelter Mannschaft auf großen Familienfeiern, irgendwer findet immer etwas zum Kritisieren. Dabei meinen die Verwandten es ja „eh nur gut“, doch welche Auswirkungen es auf die Psyche haben kann, ist ihnen selten bewusst.

Von Maria Lovrić- Anušić, Fotos: Zoe Opratko

Du hast schon wieder so zugenommen.“ Mit diesen Worten „begrüßte“ mich meine Mutter, als sie letzten Sommer nach ihrem viermonatigen Heimaturlaub in Kroatien durch die Haustür kam. Sie legte ihre Reisetasche ab und begann, meinen Körper zu mustern. Nette Begrüßung, Danke, Mama. Ein „Hallo, wie geht’s?“ hätte es auch getan. Ich solle doch aufpassen, dass es nicht „noch mehr“ wird und sie würde nicht verstehen, wie das passieren konnte. Mittlerweile kann ich solche Bemerkungen sehr gut ignorieren, doch lange waren diese Momente nicht so leicht wegzustecken. Ich wollte einige Tage nach ihrer Ankunft aus Prinzip nicht viel essen, das sorgte dann aber wiederum für Unverständnis ihrerseits. Ich müsse nicht auf das Essen komplett verzichten, aber dann eben etwas besser darauf schauen. Doch ich konnte nicht anders. Zu der Zeit war mein Selbstwertgefühl nicht so stark ausgeprägt und das Verhältnis zu meinem Körper eher kompliziert. Und genau deswegen lösten ihre Worte in mir damals eine noch größere Abneigung und ein gewisses Schamgefühl dem Essen gegenüber aus. Ich war noch nie eine der super Schlanken und genau das durfte ich mir auch oft genug von Familienmitgliedern anhören. Spitznamen wie „Dickerchen“ waren in meiner Teenager-Zeit gang und gäbe. In meiner Verzweiflung griff ich des Öfteren zu ungesunden Methoden, um abzunehmen. Einerseits ging es mir darum, Bestätigung zu gewinnen und andererseits auch darum, mich endlich in meinem Körper wohl zu fühlen. Von Fettblockerpillen und Nahrungsergänzungsmitteln bis hin zu einer täglichen Fitnessstudiotortur und so gut wie nichts zu essen, habe ich alles versucht, um glücklich mit mir selbst zu sein. Geholfen hat das allerdings alles nichts, vielmehr war es frustrierend und zog mich nur noch mehr runter. Ich kann von Glück sprechen, dass ich doch einen klaren Kopf behielt und nicht in eine tiefere Essstörung geschlittert bin. Ich beschäftigte mich in der Zeit viel mit ‚Body Positivity“ und realisierte, dass es für Schönheit kein Einmaleins gibt. Ich weiß mittlerweile auch, dass meine Familie und vor allem meine Mutter es nicht böse meinen, und ich schätze es, dass sie sich um meine Gesundheit kümmern. Verletzend ist es dennoch und ich glaube, dass ihnen das leider nicht bewusst ist.

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Du isst zu viel! Du isst nicht genug! - Manchen Migra-Mamas kann man es nie recht machen. Foto: Zoe Opratko

Ich bin mit dem Thema allerdings nicht allein. Bodyshaming steht bei vielen Jugendlichen in Österreich auf der Tagesordnung. Im „Jugend Trend Monitor“ aus dem Jahr 2019 gaben 30% der Befragten 14-29-Jährigen an, bereits Erfahrungen mit Bodyshaming gesammelt zu haben. Ein momentan viraler TikTok Trend greift das Thema Bodyshaming durch die eigene Familie in migrantischen Communities auf. Tiktoker:innen stellen sich vor die Linse und unter ihnen steht der Text „Wenn deine Familie aus der Heimat dich besucht.“ Dazu hört man in der Tonspur den Sound einer Frau, die sie mit den Worten „Oh my god you are so fat, so obese!“ zu beleidigen beginnt. 

Dieses Phänomen kommt nicht von irgendwo, wie Body-shaming-Expertin und Autorin des Body-Positivity-Buchs „Riot, don’t diet!“ Elisabeth Lechner erklärt.

„Der Westen dominiert die Welt – deshalb nehmen wir ein weißes, koloniales Schönheitsideal als Maßstab. Menschen sollen groß, schlank und unbehaart sein“, resümiert sie. Doch zu diesem westlichen Schönheitsbild kommen laut Lechner für Menschen mit Migrationshintergrund auch kulturelle Bedingungen sowie bestimmte Esskulturen und auch religiöse Einstellungen hinzu. So kann der Druck in ausländischen Familien noch stärker sein, da es dort mehrere Angriffsflächen gibt.

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Eine verzerrte Selbstwahrnehmung nach Bodyshaming ist keine Seltenheit. Foto: Zoe Opratko

Kurze Hosen und Cellulite

Bei der 23-Jährigen Polin Ewa spielt Bodyshaming durch ihre Familie seit ihrer Pubertät eine große Rolle. Ab ihrem 13. Lebensjahr, als ihr Körper sich zu verändern und zu wachsen begann, kamen immer wieder Bemerkungen. Ewa erinnert sich an einen bestimmten Moment, der sie nicht loslässt. Sie saß, als 13-jähriges Mädchen, mit einer kurzen Hose am Sofa in ihrem Wohnzimmer, als ihr Vater auf sie zukam und komplett schockiert und verängstigt fragte, ob sie etwa Cellulite hätte. Auch ihre Mutter verhielt sich anstrengend, da sie Ewas Körper immer genau unter die Lupe nahm. „Bist du schwanger?“ war die Top-Frage, sobald Ewa etwas an Gewicht zugenommen hatte und ihr Bauch größer geworden war. Solche Kommentare sind für sie heute nichts Besonderes mehr, denn die bekommt sie nach wie vor noch täglich serviert. Ihre Schwester, die immer sehr dünn war, hat sich den Umgang, den die Eltern mit Ewa pflegten, abgeschaut und begann, sie ebenfalls mit Beleidigungen zu ihrem Gewicht zu bombardieren. Die 23-Jährige erzählt, dass sie mit 13 Jahren eine Essstörung entwickelte. Dies ist nicht verwunderlich, denn laut Autorin Elisabeth Lechner brauchen vor allem Jugendliche viel Bestätigung: „Wenn Heranwachsende in den eigenen vier Wänden keinen ‚safe-space‘ haben, dann bewirkt das eine gestörte Selbstwahrnehmung und kann in Extremfällen zu Essstörungen führen.“ Monatelang aß Ewa dementsprechend so gut wie nichts. Bei Hungergefühl ernährte sie sich von Kaugummi und Cola light. Das alles nur, um ein bestimmtes Gewicht zu halten. „Ich weiß noch, dass meine Mama damals gesagt hat, dass ich endlich eine gute Figur hätte und die so weiterbehalten sollte“, rollt Ewa mit den Augen. Dass sie in der Zeit an einer Essstörung litt, bemerkte ihre Mutter nicht. Auch Ewa weiß, dass das Problem nicht die Wahrnehmung allein ihrer Mutter ist: „In Polen ist das Schönheitsideal für Frauen noch viel ärger als in Österreich.“  Die Erwartungen, dem normschönen Ideal zu entsprechen, seien dort noch viel härter. Ihre Eltern sind mit Wertvorstellungen und Body-Images aufgewachsen, die ins Unrealistische gehen. Aus diesem Grund sieht Ewa keinen Sinn darin, mit ihnen über die verletzenden Worten zu reden, da sie es ja eigentlich nicht böse meinen, sondern es einfach selbst so gelernt hatten. Mittlerweile kann sie damit recht gut umgehen und hat dadurch auch einiges für ihre Zukunft gelernt. „Ich weiß, wie ich mich gegenüber meinen zukünftigen Kindern verhalten werde.“ Sie ist sich sicher, dass sie ihre eigenen Kinder niemals auf ihr Äußeres reduzieren und mit blöden Sprüchen zu ihrem Gewicht konfrontieren wird.

"Bei meinen Kindern werde ich es anders machen."

Auf Perfektion getrimmt

In Jelenas Familie herrscht schon von Anfang an ein bestimmter Standard für das äußere Erscheinungsbild. Eine sportliche und dünne Figur war die Mindestanforderung ihrer Eltern. Für die 21-jährige Wienerin mit Wurzeln in Serbien eine unrealistische Vorstellung: „Seit meiner Kindheit habe ich mit einer Schilddrüsenunterfunktion zu kämpfen.“ Durch ihre Erkrankung fällt ihr das Abnehmen schwerer als anderen. Ihre Mutter sah das aber nur als schlechte Ausrede. In den Augen ihrer Mutter würden dicke Menschen es nicht weit im Leben schaffen, weil sie keiner mag und auch Arbeitgeber würden sie nicht einstellen wollen, denn ihre Figur würde zeigen, dass sie nicht diszipliniert wären. Das wurde Jelena zumindest von klein auf so beigebracht. Die Wienerin erzählt davon, wie sie sich immer bemühte, Süßigkeiten wegzulassen und viel Sport zu treiben, das Abnehmen gelang ihr allerdings trotzdem nicht. Für sie standen, seitens ihrer Mutter, Radikaldiäten und abfällige Kommentare zu ihrem Körper am Tagesplan. Gegessen werden sollte möglichst wenig. Dadurch nahm sie ab, jedoch ließ der Jo-Jo-Effekt nicht lange auf sich warten und sie nahm mehr zu als davor. Laut Bodyshaming-Expertin Elisabeth Lechner ist das eine normale Reaktion des Körpers, da durch Diäten der Stoffwechsel zerstört wird. „Sie machte die Höhe meines Taschengeldes abhängig von meinem Gewicht“, kann es Jelena noch immer nicht ganz glauben. Finanzielle Unterstützung war damals, wie auch heute noch während ihres Studiums, das Druckmittel ihrer Mutter. All dies führte bei der jungen Wienerin zu vielen Tränen und einer Essstörung, da sie den Erwartungen auf natürlichem Wege nie gerecht wurde. Konfrontationen mit ihrer Mutter blieben erfolglos. „Ich will nur das Beste für dich!“, war eins der stumpfen Argumente. Jelena zieht heute das Positive daraus: „Dennoch liebe ich meine Mutter. Denn ohne ihren ständigen Druck würde ich wahrscheinlich noch mehr wiegen.“

Große Ohren und Babyspeck

Auch Geschwister können zu Bodyshamern werden: Davon kann Ayman ein Lied singen. Er lebte bis vor sieben Jahren noch in Syrien und erzählt davon, wie seine Eltern immer hart arbeiten mussten, um Geld nachhause zu bringen und dementsprechend nicht oft zuhause waren. Ihm und seinen Geschwistern fehlte die Disziplin und das Moralverständnis, andere Menschen zu respektieren, auch wenn sie vielleicht anders aussahen, erzählt Ayman. Seine Eltern haben ihnen nie beigebracht, sich nicht über andere lustig zu machen. „Manchmal haben sie was gesagt, aber sie waren, wie gesagt, beschäftigt.“ Der 27-Jährige erzählt davon, dass sein Bruder ihn immer wieder wegen seinen Ohren gehänselt hatte: „Ich hatte halt große Ohren im Vergleich zu meinem Kopf.“ Sein Bruder dachte sich den Spitznamen „Segelohr“  aus und rief Ayman nur noch unter dem Namen. Er hatte ebenfalls nach Dingen gesucht, die er gegen seine Geschwister verwenden könnte. „Als Rache habe ich ihn halt für sein Gewicht beleidigt.“  Obwohl er selbst auch mit dem Mobben begann, war die Zeit dennoch schwer für ihn. Er weinte viel, erzählt er. Aber trotzdem ist er der Meinung, dass ihn genau das zu einem starken Mann gemacht hat. Im Nachhinein sei das gut gewesen, weil er dadurch gelernt habe, sich nicht von blöden Sprüchen von Fremden runterziehen zu lassen. Ayman meint auch, dass ihn diese Abhärtung gut auf Österreich vorbereitet habe. Er erlebte relativ viel Rassismus hier und hätte dies ohne diese „Vorbereitung“ so nicht ertragen.

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"Wer nicht schlank ist, ist undiszipliniert" - Dieser Mythos hält sich leider nach wie vor. Foto: Zoe Opratko

 

"Aus Rache habe ich meinen Bruder für sein Gewicht beleidigt."

Vom Kalorienzählen und Kotzen

Doch nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund sind von Bodyshaming innerhalb der Familie betroffen. Die 26-jährige Österreicherin Paulina erzählt vom Druck ihrer Mutter, einem verzerrten Schönheitsideal zu entsprechen. Ihre Mutter legt einen enormen Wert auf eine schlanke Silhouette und tat das auch schon von Paulinas Kindesalter an. Paulina musste nach Sommerurlauben zwei bis drei Wochen auf Süßes verzichten, um ihre Kilos sowie ihren „Baby-Speck“ loszuwerden. „Das Maß meiner Mutter war immer: Zwischen Körpergröße und Gewicht dürfen maximal 112 Einheiten liegen, also wenn man 160 cm groß ist, sollte man maximal 48 Kilogramm wiegen.“ Diesen Maßstab konnte Paulina bis zum Eintreten ihrer Pubertät auch relativ gut einhalten. Die Vorgaben von Paulinas Mutter wie auch zum Beispiel der BMI sind allerdings unglaublich veraltet und können nichts über die Gesundheit einer Person aussagen. „Schlank bedeutet nicht gleich gesund, sowie dick nicht automatisch krank“, so die Expertin Elisabeth Lechner. Und vor allem in der Pubertät verändert sich der Körper nun mal und bei Paulina ging das auch sehr schnell, wie sie sich erinnert. Ihre Mutter warf ihr vor, heimlich zu naschen, und gab ihr daraufhin auch nur sehr kleine Portionen zum Essen, weshalb Paulina ihr Taschengeld immer in der Schulkantine für Essen ausgeben musste. Die 26-Jährige erinnert sich an ein einschneidendes Ereignis, an dem ihre Mutter weinend vor ihr stand und schluchzte: „Ich will nicht, dass du deinen Körper selbst hasst, wenn du weiter zunimmst.“ Dass diese Momente Paulina dazu brachten, an sich selbst zu zweifeln, verstand ihre Mutter nicht. Paulina musste abnehmen und versuchte, sich selbst Essstörungen anzutrainieren. Sie erzählt davon, wie sie versuchte, zu erbrechen, aber sie es nicht schaffte. Und einfach das Essen komplett wegzulassen, funktionierte auch nicht.  Gehässige Kommentare zu ihrem Körper musste sie sich bis Anfang zwanzig noch anhören. Ihr Verhältnis zum Essen ist heute noch eher schwierig. Sie versucht, sich die Mahlzeit durch viel Sport zu „verdienen“. Ein klärendes Gespräch mit ihrer Mutter bringt nichts, meint Paulina. „Sie gibt zu, dass sie für kurze Zeit, als ich 13 war, einen Fehler gemacht hat und meinen Körper so abfällig bewertet hat. Alles davor und danach empfindet sie als subjektive Wahrnehmung meinerseits.“

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Wenn die Worte der Eltern zu einem Heulkrampf führen. Foto: Zoe Opratko

 

"Ich will nicht, dass du deinen Körper selbst hasst, wenn du weiter zunimmst."

Gen Z macht es besser!

Unsere Eltern sind selbst mit unrealistischen Schönheitsstandards aufgewachsen und haben vermutlich mit Shaming zu kämpfen gehabt, ohne zu wissen, was es überhaupt bedeutet. Sie waren oft damit beschäftigt, sich und uns in der „neuen“ Heimat ein würdiges Leben aufzubauen. Da war nicht viel Platz für Themen wie Body Positivity. Wir leben aber in einer Zeit, in der es immer mehr Bewusstsein für Bodyshaming gibt,  und wir lernen, wie wichtig die Akzeptanz aller Körper ist. Nun haben wir die Möglichkeit, es anders als unsere Eltern zu machen und keine Traumata an die nächste Generation weiterzugeben – jetzt sind wir dran. ●

 

*Die Namen der Personen wurden von der Redaktion geändert. Die Fotos wurden nachgestellt

 

Warum wir Body-Neutrality brauchen.

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Maria Lovrić- Anušić. Foto: Zoe Opratko

„Liebe deinen Körper!“ ist der Standard-Spruch der Body-Positivity Bewegung. Ein netter Ansatz, allerdings sehr schwer in der Umsetzung, denn dazu gedrängt zu werden, alles an sich schön zu finden, kann unglaublich frustrierend sein. Warum muss man alles an sich lieben? Wäre es nicht besser, wenn jeder selbst entscheiden könnte, was er oder sie schön findet? Body-Neutrality setzt genau da an. Es soll egal sein, wie man aussieht und was man mit seinem Körper macht. Ob man eine Schönheits-OP will, weil einem etwas nicht passt oder ob man sich jeden Tag zurecht machen möchte, bleibt einem selbst überlassen. Die Dinge, die einen glücklich machen, werden getan ohne dass dies von jemanden kommentiert wird. Unser Selbstwertgefühl soll unabhängig von Aussehen aufgebaut werden und wenn wir Body-Neutrality schaffen könnten, wäre Bodyshaming auch gar kein Thema mehr. Wir Menschen sind nämlich weitaus mehr als die Hülle, die uns umgibt.

 

HILFE BEI ESSTÖRUNGEN:
Essstörungshotline: 0800 20 11 20
Sowhat- Kompetenzzentrum für Menschen für Essstörungen: + 43 1 4065717- 0
Rat auf Draht: 147

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