Ich liebe dich… Und dich auch!

20. Oktober 2022
 
Sex mit anderen ist in den meisten Beziehungen Tabu. Verlieben sowieso. Für Jakob, Tobi, Max und Karynne aber nicht. Sie leben nicht monogam, das heißt, sie führen Beziehungen mit mehreren Menschen gleichzeitig. Wie das funktionieren kann?
 
Von Celina Dinhopl, Fotos: Zoe Opratko
 
Foto: Zoe Opratko
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Anmerkung: Auf den Fotos handelt es sich nicht um die Protagonist:innen des Artikels, sondern um szenische Ausschnitte aus nachgestellten Szenen mit Personen, die selbst nicht im Artikel vorkommen.

 

Für unser Interview zeigt mir Tobi heute einen besonderen Ort: den Huberpark im 16. Bezirk. Hier hat er vor nicht allzu langer Zeit zum ersten Mal Ella geküsst. Eigentlich ist Tobi mit Sophia zusammen. Trotzdem betrog er sie nicht mit Ella. 

Denn die beiden leben in einer offenen Beziehung. Das bedeutet, sie dürfen mit anderen Personen Sex haben – mit Einverständnis des*r anderen. So wie Tobi und Sophia leben immer mehr Menschen. In den letzten Jahren stößt man in den sozialen Netzwerken auf immer mehr nicht-monogam lebende Menschen, die ihre Beziehungsmodelle erklären. Polyamorie und offene Beziehungen sind zwar keine Neuheit, aber doch vielerorts noch ein Tabu.
Die meisten Menschen leben in monogamen Beziehungen. Das bedeutet, zwei Personen lieben sich und gehen eine exklusive Beziehung miteinander ein. Somit ist Sex, Romantik oder Liebe mit anderen nicht erlaubt. Es passiert trotzdem nicht selten, dass in monogamen Beziehungen Betrug geschieht: Eine Person geht fremd oder verliebt sich neu. In nicht-monogamen Beziehungen sind diese Dinge jedoch (teilweise) erlaubt. Eine genaue Zahl, wie viele Menschen in Österreich nicht-monogam leben, gibt es aktuell nicht. Bei der Polyamorie können Menschen mehrere Beziehungen gleichzeitig haben und alle sind damit einverstanden. Liebe wird nicht als exklusiv für eine Person angesehen. Solche Paare können ganz unterschiedlich aussehen: eine Person mit mehreren Partner*innen, ein Hauptpaar mit einer untergestellten dritten Person, eine exklusive Beziehung zu dritt (erweiterte Monogamie) und vieles mehr. Bei offenen Beziehungen gibt es hingegen ein Pärchen. Dieses erlebt den Alltag zu zweit. Es ist jedoch beiden erlaubt, außerhalb der Beziehung Sex mit anderen zu haben. In fast allen Fällen sind tiefere romantische Beziehungen aber nicht erwünscht. 
Foto: Zoe Opratko
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L(i)eben zu dritt 
Anders war es bei Max. Er war drei Jahre lang in einer polyamoren Beziehung mit zwei Männern. Jeder liebte jeden. Zuerst war Max mit seinem ersten Partner monogam. Sie beschlossen gemeinsam, trotz starker Liebe zueinander, nicht mehr auf Sex mit anderen zu verzichten. Die einzige Bedingung: pure Ehrlichkeit. Nach einem halben Jahr kam der dritte Partner ins Spiel. Was am Anfang nur Spaß war, wurde immer ernster und auf der Pride-Parade gestanden sich alle ihre Liebe. Ab da machten sie ganz typische Pärchendinge, nur halt eben zu dritt. Ob Urlaub, zuhause auf der Couch kuscheln oder auch Intimität, es wurde alles miteinander geteilt.  Auch bei Familientreffen nahm er beide Partner mit. Seine Eltern waren dabei sehr unterstützend – doch sie hatten auch Fragen. Genauso wie ihre Nachbarn, wenn sich alle drei im Gang mit Küssen verabschiedeten. Es gab aber auch Momente, in denen einer nicht dabei war. Das sah Max ganz entspannt, sogar wenn’s um Sex ging: „Wenn ich von der Arbeit kam und keine Lust mehr hatte, war es für mich total okay, wenn sie gemeinsam etwas machten.“ 
Auch Jakob und Elisa, die schon seit über drei Jahren in einer offenen Beziehung leben, führen in diesem Konzept ein erfülltes Liebesleben. Miteinander gestalten sie ihren Alltag und ihre Zukunft. In ihrer Freizeit treffen sie sich mit anderen, um Sex zu haben. „Man muss sich daran gewöhnen, über den Sex mit anderen zu erzählen. Aber es ist schön, sich nicht zwischen einer Beziehung oder Dating entscheiden zu müssen“, erzählt Jakob. 
 
Foto: Zoe Opratko
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Monogamie ist in den meisten Ländern die Norm, doch das war nicht immer so. Vor der neolithischen Revolution, also dem Sesshaftwerden der Menschheit, als die Menschen noch Jäger und Sammler waren, war eine Mischung aus monogam und polyamorös die gängige Beziehungsform. Exklusive Partnerschaften wurden so lange gehalten, bis die Kindererziehung abgeschlossen war. Ein sinnvoller Prozess, wie Sexualpsychologin Nicole Kienzl beschreibt. War die Kindererziehung geschafft, suchte man sich neue Partner*innen. Als der Mensch vor etwa 11.000 Jahren sesshaft wurde, veränderte sich das Zusammenleben: Mit dem eigenen Besitz kam auch der Wunsch, diesen an das eigene Kind zu vererben. Aufgrund des Mangels an Kontrollmöglichkeiten von Männern, ob das Kind wirklich von ihm sei, wurde die Sexualität auf eine*n Partner*in reduziert. Das beschreibt der Psychologe Christopher Ryan in seinem Buch „Sex. Die wahre Geschichte“. Monogamie ist nicht in jeder Religion typisch, aber vor allem im westlich vorherrschenden Christentum. Diesem schreibt Nicole Kienzl einen starken Einfluss auf die heute dominierende Monogamie zu: „Monogamie ist ein soziales Konstrukt, das sehr von der Kirche forciert wurde.“, so die Sexualpsychologin. Heute sind wir kaum anderes gewöhnt, trotz Vaterschaftstests und Laizismus, also der Trennung von Kirche und Staat. Dadurch denken viele Menschen aber gar nicht mehr darüber nach, ob die tradierte monogame Lebensform überhaupt das Richtige für sie sei. 
 
Foto: Zoe Opratko
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Für Tobi ist Monogamie aber nicht das Richtige. Das merkte er auch schon bei seiner ersten Beziehung mit etwa 17 Jahren. Schon damals sah er sich nach anderen Personen um und fühlte sich schuldig. Man brachte ihm bei, dass das nicht okay sei. Heute sieht er es als eine Art Superpower an, sich in mehrere Personen verlieben zu können. Denn Tobi identifiziert sich als polyamorös, trotz offener Beziehung. Er bezeichnet seine aktuelle Situation als kompliziert, denn er würde gerne auf eine polyamore Beziehung „upgraden“, doch damit ist seine Freundin Sophia nicht einverstanden. Dadurch bleibt es nur bei der offenen Beziehung – trotz Gefühle für Ella, die er dadurch nur als sein Gspusi bezeichnet. 
Es herrscht vor allem das Vorurteil, die Beteiligten würden sich gar nicht wirklich lieben. Wie Tobi und Jakob erzählen, lieben sie ihre Partnerinnen aus ganzem Herzen. Tobi bezeichnet sich sogar als sehr romantisch. „Ich finde nur nicht, dass das auf eine Person beschränkt sein muss“, erzählt er. Auch Karynne, die aktuell Single ist und mehrere Personen datet, hat dazu einiges zu sagen: „Attraktion zu anderen Personen ist normal.“ Sie war schon oft in monogamen Beziehungen, merkte aber, dass das nicht das Wahre sei. Sie erkannte schon mit 19, dass sie eigentlich polyamorös ist. Inzwischen kann sie das komplett ausleben. Menschen, die sie liebt, können koexistieren. Eigentlich gibt es genau hier Parallelen zu monogamen Beziehungen: Die meisten sind nämlich nicht wirklich monogam, sondern haben mehrere exklusive Beziehungen nacheinander. Man liebt mehrere Personen innerhalb eines Lebens, nur nicht zur gleichen Zeit. Genannt wird das serielle Monogamie, wie es Nicole Kienzl beschreibt. 
 
Rasende Eifersucht? Fehlanzeige!
Viele monogame Personen können nicht verstehen, wie man nicht vor Eifersucht umkommt. Auch für monogame Paare ist Eifersucht ein Thema, wird aber meist dadurch abgewendet, den*der anderen jegliche körperliche oder emotionale Nähe zu anderen Personen zu verbieten. Diese kann begründet, aber auch unbegründet als Angstreaktion, den*die Partner*in zu verlieren auftreten. Jakob und Elisa sind okay damit, anderen körperlich nahe zu sein. „Es ist ein Klischee, dass wir mehr Eifersucht verspüren. Ich würde sogar behaupten, dass man damit weniger zu kämpfen hat, weil man mehr darüber nachdenkt und sie eventuell sogar überwindet“, so Jakob. Aber auch ihm ist Eifersucht kein Fremdwort. Dabei ruft er sich immer wieder einen bestimmten Gedanken in den Kopf: „Ich weiß ja selbst für mich, dass ich keine bösen Absichten habe, wenn ich mit einer anderen Person Sex habe. Deswegen vertraue ich ihr da, dass sie auch damit so umgeht.“ Tobi sieht es eher gechillter und behauptet, inzwischen gar keine Eifersucht mehr zu empfinden. Ein Thema ist es für ihn jedoch vor allem wegen seiner Freundin Sophia. Er würde sich wünschen, sie würde erkennen, wie sehr er sie liebt, und dass sich daran auch mit einer weiteren Beziehung nichts ändern würde. Zur Eifersucht kommt es meistens jedoch dann, wenn Unehrlichkeit im Spiel ist. Auch durch Regelbruch – die meisten Paare stellen sich gegenseitig Regeln auf – kann man fremdgehen. Erzähle eine*r nicht von einer sexuellen Erfahrung oder würde nicht verhüten, könnte bei Jakob und Elisa ein Konflikt entstehen. Tobi und Sophia haben eine Blacklist an Leuten, die tabu sind. Tobi schrieb seine Feinde aus der Schulzeit auf, Sophia hingegen eine Ex von Tobi. Sexualpsychologin Nicole Kienzl sieht klar definierte Regeln als A und O dafür, dass eine geöffnete Beziehung überhaupt funktionieren kann. „Absprachen und Kommunikation sind ganz wichtig, weil die Treue ein ganz anderes Gewicht kriegt“, so Nicole Kienzl.
Tatsächlich kommt es nicht selten vor, dass eine Person die Beziehung öffnen möchte, und die andere nur zustimmt, um die Beziehung überhaupt am Leben zu halten. Auch bei Jakob und Elisa war es anfangs ähnlich: Während beide auf Auslandssemester in anderen Ländern waren, rief Elisa Jakob gegen Ende des Semesters an und bat um eine offene Beziehung. Sie hatte jemanden kennengelernt, mit dem sie intim werden wollte. Jakobs erste Reaktion: Schock. Doch anstatt die Beziehung zu beenden, probierte er es aus. Heute ist er sehr froh über die Entscheidung. Ratsam ist es jedoch nicht, ohne eigenes Interesse eine nicht-monogame Beziehung einzugehen. Tobi kennt die andere Seite der Medaille: Ihn überkommen oft Schuldgefühle, die ihn befürchten lassen, dass er sowohl Sophia als auch Ella zu einem Beziehungsmodell drängt, damit er so leben kann, wie er will. Trotzdem hatten sie die freie Wahl: Schon zu Beginn der Beziehung hatte Tobi Sophia gesagt, eine offene Beziehung zu wollen. Sie willigte ein, behauptet aber, ginge es nur nach ihr, wären sie monogam. Inzwischen haben sie sich darauf geeinigt, sich nichts vom Sex mit anderen zu erzählen. 
 
Foto: Zoe Opratko
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Eine persönliche Entscheidung
Die größte Frage ist jedoch: Kann das halten? Wie unsere Interviewpartner*innen zeigen, lässt sich das nur ganz individuell beantworten. Jakob meint, dass er gerne so weitermachen würde wie bisher, aber auch mit Monogamie kein Problem hätte. „Unsere Beziehung war auch schon davor gut“, meint er. Tobi hingegen glaubt, dass es aufgrund der Konflikte zwischen ihm, Sophia und Ella bald eskalieren könnte. Vielleicht würde die offene Beziehung standhalten, aber diesem Gefühlschaos gibt er keine Chance. Karynne möchte nie mehr komplett zur Monogamie zurück. Und Max wünscht sich seine nächste Beziehung lieber monogam – auch wenn er drei Jahre mit seinen beiden Partnern zusammen war, war schlussendlich genau das der Trennungsgrund. Beide waren ihm gegenüber nicht ehrlich und entdeckten unabsichtlich durch gemeinsame Sexpartner den Betrug aneinander. 
Nicht-monogame Beziehungen sind nicht ultimativ besser oder schlechter als monogame. Das richtige Beziehungsmodell muss jede*r für sich selbst entdecken. Nicole Kienzl zum Beispiel beschreibt es so: „Wenn man eine tiefe und vertrauenswürdige Beziehung will, finde ich die monogame Beziehung schon DIE Beziehungsform. Wobei das nicht bedeutet, dass offene Beziehungen nicht auch tief sind.“ Nicht-Monogamie kann vor allem dann funktionieren, wenn miteinander offen kommuniziert wird und die Partner*innen fest verbunden sind. Da ist die Monogamie aber gar nicht so anders.
 
 
Foto: Zoe Opratko
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Wir wollten wissen, wie Psycholog*innen Nicht-Monogamie einschätzen. Sexualpsychologe Christian Beer im Interview: 
 
 
Biber: Wie oft kommen Personen mit dem Interesse an einer nicht-monogamen Beziehung zu Ihnen?
Christian Beer: Interesse per se haben die wenigsten, es ist eher ein Rettungsversuch der Beziehung, wenn sich die Sexualität verschlechtert. Sehr selten sind die Personen von Anfang an daran interessiert; vor allem dann nicht, wenn sie verliebt sind. 
 
Wie erklären Sie sich das Interesse daran?
Grundsätzlich muss man hier einmal die Rollen in einer Beziehung definieren. Wenn man eine fixe Beziehung haben möchte, dann muss man Rollen auch regulieren. In unserem Kulturkreis ist es bestimmt von Vorteil, wenn sich die Partner gegenseitig als Nummer 1 für den anderen sehen. Bei Polyamorie hat man dieses Verhältnis nicht, weil man sich den Platz 1 eventuell teilen muss. Ein Stück weit erkläre ich es mit der Angst, nicht alle Bedürfnisse in einer Beziehung unterzubekommen, zum Beispiel sexuelles Interesse nicht nur gegenüber dem Partner zu haben. Es wird auch als Ausweg für eine schlechter werdende sexuelle Beziehung angesehen.
 
Sind Menschen von Natur aus monogam?
Nein, hier gibt es eine Diskrepanz zwischen Natur und Kultur. Das kann man auch an den Geschlechtsorganen erkennen, so ist der Penis im Vergleich zur Körpergröße sehr groß und wie eine Saugpumpe aufgebaut, was darauf deutet, dass früher ein starker Konkurrenzkampf vorherrschte. Die Erklärung: Mit der Form kann man fremde Spermien während des Sex entfernen. Auch Verliebtheit ist ein Teil der Sexualität, der nach einigen Jahren abklingt und an dessen Stelle Bindung hervorkommt. Wir sind aber in den ersten Jahren der Kindererziehung auf eine starke Bindung angewiesen, um uns gegenseitig zu beschützen. Diese Bindung ist nichts Schlechtes, kann aber die sexuelle Vitalität einer Beziehung eindämpfen. Erklären kann man das mit der Bindung in Familien untereinander, sich sexuell nicht zur Verwandtschaft hingezogen zu fühlen - trotz starker Bindung. Außerdem können unsichere Bindungen Stress auslösen, wodurch man zu anderen Personen geht, um mit diesen Sex zu haben, wo dieser Stress nicht besteht. 
 
Wie lässt sich eine zuerst monogame Beziehung erfolgreich öffnen?
Es geht, wenn man sich auf Spielregeln einigt. Wenn zum Beispiel bei abgegrenzten Veranstaltungen wie Swingerpartys die Beziehung temporär geöffnet und danach wieder geschlossen wird. Ich glaube aber, dass eine nicht-monogame Beziehung eher etwas Temporäres ist und der aktuelle Trend zur Polyamorie eine Sackgasse für Beziehungen darstellt und eher schwierig ist. 
 
Sind Menschen in monogamen oder geöffneten Beziehungen besser aufgehoben?
Monogame Beziehungen im Sinne von vertrauensvollen Beziehungen sind das Richtige, Monogamie würde ich aber nicht an erste Stelle stellen. Wichtiger sind Fragen wie: Ist die Beziehung erwachsen? Teilt man gemeinsame Werte? Kann man einander vertrauen?
 

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