1425 Tage Belagerung von Sarajevo

05. April 2022

Die Sarajevo-Belagerung ist eine Odyssee des Terrors. Sie ist die längste Belagerung einer Stadt im 20. Jahrhundert und hat uns wieder einmal daran erinnert, wozu Menschen fähig sind. Gemeinsam mit dem Genozid in Srebrenica wurde aus dem „Nie wieder“ nach dem Zweiten Weltkrieg ein „schon wieder“. Und das mitten in Europa. Wir sehen es auch heute in der Ukraine. Die internationalen Gemeinschaften scheitern tatkräftig einzugreifen.

Ein Gastbeitrag von Dennis Miskić

Sie hasten durch die Straßen Sarajevos, begrüßen Bekanntschaften mit einem “Gdje si šta ima” und ziehen an der morgendlichen Zigarette. Wahre “Sarajlija”, Einwohner Sarajevos, wie sie in Bosnien genannt werden. Obwohl sie alle so verschieden sind, verbindet sie eine Sache miteinander. Durch die Belagerung der Hauptstadt Bosniens, die am 5. April 1992 hier begonnen hat, steht ihnen ihr Trauma und der Terror, den sie überlebt haben, im Gesicht geschrieben.

Sarajevo, Belagerung, 1425

Der Terror hat nach der Belagerung kein Ende genommen. Abgesehen von der zerstörten Ökonomie und Infrastruktur blieb 60% der Bevölkerung mit Post-traumatischen Belastungsstörungen (PTBS) zurück. Schweißgebadete Träume und re-traumatisierende Erinnerungen an den Krieg bleiben für sie ein ewiger Begleiter.

Alle Wege führen durch die Sniper-Allee

Holzschilder mit der Aufschrift „Pažnja Snajper!“ (übersetzt: Vorsicht Scharfschütze!) gehörten zum Alltag dazu. Ob beim Warten am Wasserbrunnen oder auf dem Weg zur Schule, früher oder später kamen sie alle ins Visier der serbischen Scharfschützen.

Soldaten haben keine Grenzen gezogen und auch auf Kinder, Frauen und UN-Soldaten geschossen. Sie wurde zum größten Albtraum aller, die in Sarajevo lebten. Doch es blieb nicht dabei. Auch Krankenhäuser und Schulen wurden nicht verschont. Neben den Scharfschützen waren Granateinschläge ein weiterer Sensenmann während der Belagerung.

rose, sarajevo
flickr

Die Granaten haben Narben hinterlassen, die auch heute noch sichtbar sind. Auf den gepflasterten Straßen der Stadt befinden sich heute über 200 „Rosen von Sarajevo“. Es sind Einschlagstellen die rot ausgemalt wurden. Die Rosen sollen an jene erinnern, die ihr Leben durch diese Granate verloren haben.

Kriegskorrespondent auf Safari

Konstanty Gebert, ein polnischer Journalist, der während der Belagerung für polnische Zeitungen aus Sarajevo aus berichtet hat, erzählt von dem Leben in der Stadt. “Es gab kein Wasser, keine Elektrizität, keine Ausstattung in den Krankenhäusern”, erzählte er mir, während er, 30 Jahre später, seine Katze streichelt und sich über Skype an seine Zeit zurückerinnert.

Er erinnert sich an ein kooperatives Sarajevo. “Die Bewohner*innen haben uns geholfen, wo sie konnten. Wenn wir mit jemandem sprechen wollten, haben sie sofort geholfen”, erklärt der heute 68-Jährige. Doch als den Einwohnern Sarajevos klar wurde, dass die Berichterstattung keinen Sinn hat und sich durch sie nichts ändert, ließen sie den Frust an den Journalist*innen aus. “Und? Wie läuft die Safari?”, fragten sie die Journalist*innen. Eine Anspielung darauf, dass sie in Sarajevo nur auf Urlaub seien.

Kein Wort, kein Satz und kein Text der Welt können dem andauernden Leid der Menschen gerecht werden. Wir können aber alle einen Beitrag dazu leisten, dass diese Zeit nicht in Vergessenheit gerät.

Gelb-blaue Solidarität

Mit dem Massaker im ukrainischen Bucha wird erneut von einem unglaublichen Kriegsverbrechen in Europa gesprochen und erneut die Frage aufgeworfen, wann das Leid endlich ein Ende hat. Weitere Untersuchungen werden erst das gesamte Ausmaß des Ukraine Krieges aufweisen. Im Gegensatz zu 1992 wird auf der ganzen Welt die gelb-blaue ukrainische Flagge geschwenkt und die Solidarität mit der Ukraine ausgesprochen. Auch hier in Bosnien und Herzegowina.

Sie stehen hinter der Ukraine nicht nur weil sie solidarisch sind, sondern weil sie wissen, wie es sich anfühlt, in ihren Schuhen zu stecken. Jedoch fragen sich viele Bosnierinnen und Bosnier verzweifelt, wo diese Solidarität und Unterstützung vor 30 Jahren blieb. Wo wurde die gelb-blaue Flagge Bosnien und Herzegowinas geschwungen? Vor drei Jahrzenten, als die Welt einer dreieinhalb jahrelangen Belagerung zusah.

 

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