Zu jung, um erwachsen zu sein.

13. November 2023

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Tana Badic ist Stipendiatin der biber Akademie. (C) Zoe Opratko

„Sollte ich noch ein Studium beginnen? Will ich schon eine ernsthafte Beziehung führen? Soll ich nicht lieber zuerst meine Träume verwirklichen? Die Welt bereisen? Aber mit welchem Geld?“  - Stipendiatin Tana Badić steckt mitten in einer Quarterlife-Crisis und schiebt das „Erwachsenwerden“ lieber noch ein bisschen auf.

Von Tana Badić

Schon wieder einmal starre ich stundenlang auf die leere Wand und versinke in Verzweiflung. Ich spüre, wie sich meine Muskeln verkrampfen und meine Schläfen pulsieren. „Was will ich mit meinem Leben anfangen? Will ich wirklich weiterstudieren? Ich habe doch schon zwei Abschlüsse. Will ich ernsthaft einen Vollzeitjob haben? Soll ich einfach alles hinschmeißen und die Welt bereisen? Aber von welchem Geld? Ach, das kann ich auch später irgendwann noch machen. Jetzt muss ich mal meine Karriere antreiben, dafür habe ich nicht ewig Zeit. Aber ich bin doch noch so jung. Wieso nicht noch etwas mein Studentenleben genießen?“ Der Körper zittert, der Schweiß rennt und der Kopf dampft vom vielen Denken. Da denke ich lieber gar nicht. Frage ich meine Freunde nach ihrem Gefühlszustand, höre ich ähnliche Geschichten. Total verloren, alle in Lebenskrisen, jeder steht vorm nächsten großen Breakdown. Und statt unsere Verzweiflung und unseren Frust effektiv aufzuarbeiten und nach Lösungen zu suchen wie reife Erwachsene, heben wir lieber die Hände und schieben es aufs schlechte Wetter. Der Druck bleibt aber. Die Ungewissheit verfestigt sich. Und die Unsicherheit wird ein ständiger Wegbegleiter jeder tagtäglichen Entscheidung, noch so irrelevant und bedeutungslos sie sei.

Frau Langzeitstudentin

Kam mal wieder die große schreckliche Frage „Was ist dein Plan?“ von Mama und ihren gleichaltrigen Bekanntschaften, war zuerst einmal Stockstarre angesagt. „Ich studiere“, ist die Antwort mit der höchsten Erfolgsquote. Das Studium erwies sich mir immer wieder als rettender Anker. Das Leo beim Fangen spielen, wenn mich meine Lebensrealität mal wieder versucht, einzuholen. Denn ewig vor sich rumgammeln ohne konkrete Pläne fürs zukünftige Leben läuft bei Mama einfach nicht. Langzeitstudentin erwies sich als nachhaltige Ausrede. Man ist alt genug, um eigene Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig ist man jung genug, um sich ernsthafter Verantwortung zu entziehen. Außerdem ist es produktiv. Denn die feste Überzeugung ist: Wenn man studiert, dann macht man etwas Gescheites mit seinem Leben. Man baut sich die Grundlage für einen zukünftigen Job, für das anschließende ernsthafte Leben. Dass dies leider nicht der Realität entspricht, musste ich am eigenen Leib erfahren. Denn ein Universitätsabschluss verspricht einem nicht automatisch einen Job. Ohne Arbeitserfahrung bist du nämlich ein Nichts und ein Niemand am Arbeitsmarkt. Ohnehin abgesehen von den mittlerweile absurden gesellschaftlichen Erwartungen eines spektakulären, authentischen und vollgestopften Lebenslaufs. Nur um damit dann dein unbezahltes Traumpraktikum zu ergattern.

Und da fängt der Stress schon wieder an. Der Kampf mit den eigenen Erwartungen, Wünschen und Zielen. Was vielleicht ältere Generationen nicht verstehen, ist wie belastend solche Situationen und Gedanken für junge Menschen sein können. Der Druck von der Gesellschaft, immer besser und außergewöhnlicher zu sein, um erfolgreich zu werden, clashen mit den eigenen Wünschen nach Freiheit, Zufriedenheit und Lebensqualität. Die Grenzen zwischen Wollen und Sollen verschwimmen und man befindet sich letztendlich in einem Dschungel von Fragezeichen. Die vielen Optionen lähmen einen zusätzlich. Das Resultat: Complete Shutdown.

Aus Angst, es wäre die falsche Entscheidung oder man verpasse eine bessere Möglichkeit, hält man sich besser ganz von Entscheidungsprozessen fern. Lieber stagniert man vor sich hin und lässt sich imaginäre Optionen offen. Diese Einstellung schwappt auch gerne mal ins Liebesleben über. „Ich will jetzt noch keine feste Beziehung, denn sie könnte mich ja daran hindern, meine Träume auszuleben“, war lange mein Standardsatz, wenn es darum ging, Beziehungen aufzubauen. Denn neben Studieren im Ausland, emotionaler und sexueller Selbstfindung und tausend weiteren irrationalen Prioritäten könnte ein Partner mich ja von meinen Zielen abhalten. Dass diese Träume genau das sind, was sie auch bedeuten, nämlich Träume und keine Realitäten machte mir in meiner Argumentation nichts. Lieber verzichtet man ganz darauf als sich in eine potenzielle, zukünftige Konfliktsituation zu begeben. Self-Sabotaging oder legitimer Gedanke?

Das Kind in mir

Letztlich dreht sich alles um das Thema Adulthood (Anm.: Das Erwachsenenleben). Ist man einmal erwachsen spielt sich das Leben nicht mehr nach Lust und Laune. Ein erwachsenes Leben zu führen bedeutet für mich weniger Freizeit und weniger Spontanität. Ja, die eigene Wohnung, das eigene Gehalt und der Prosecco auf der Rooftop Bar statt dem billigen Bier in der ranzigen Studentenkneipe sind sicherlich ein attraktives Upgrade. Mann, Kind und Hund sind ab einem gewissen Alter auch erfüllende Lebensrealitäten. Aber spontan verreisen, Jobs wechseln und sich immer wieder neu ausprobieren wird somit auch schwieriger. Solche Ängste und Unsicherheiten sind normale Begleiterscheinungen des Erwachsenwerden. Dass nicht jeder effektiv damit umgehen kann, ist mehr gang und gäbe als Ausnahmesituation. Man hat einfach Angst, das Kind in sich zu verlieren. Mein inneres Kind schreit auch regelmäßig nach Aufmerksamkeit und kämpft sich an die Spitze all meiner Entscheidungsprozesse. Beispielsweise habe auch ich ein weiteres Studium eingeschrieben, mit dem vorrangigen Ziel, Adulthood für weitere zwei Jahre aufzuschieben. Nicht unbedingt um mich akademisch weiterzubilden. Dabei sollte doch Adulthood nicht den Albtraum aus dem nächsten Horrorfilm verkörpern. Der Drang, das Erwachsenwerden aufzuschieben und stattdessen das Kind in sich ausleben zu lassen, ist menschlich. Erwachsen werden sollte jedoch Spaß machen. Wir sollten es als eine Zeit des Wachstums und der Entfaltung betrachten. Ohne Druck, unnötigen Stress und der Angst das Kind in sich dafür aufgeben zu müssen.

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