Politik und Poesie in der Kunsthalle

19. Januar 2022

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Kunsthalle
Belinda Kazeem-Kamiński, Unearthing. In Conversation, 2017, Filmstill, Courtesy die Künstlerin

In der Kunsthalle Wien Museumsquartier läuft die Doppelausstellung der Künstlerinnen Belinda Kazeem-Kamiński und Ana Hoffner ex-Prvulović*. Wie sie Poesie und Analyse gekonnt verbinden.

Sie sind zusammen, und doch getrennt. Gemeint sind die Einzelausstellungen der beiden Künstlerinnen Belinda Kazeem-Kamiński und Ana Hoffner ex-Prvulović*, die momentan in der Kunsthalle Wien im Museumsquartier gezeigt werden. Sie koexistieren und ergänzen sich auf eine besondere Weise. Bei Kazeem-Kamiński werden das Erbe des Kolonialismus in afrikanischen Ländern thematisiert, und sein Nachwirken, dass sich über viele Generationen, und bis in die Gegenwart erstreckt.

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Ausstellungsansicht: Belinda Kazeem-Kamiński, Kunsthalle Wien 2021, Foto: www.kunst-dokumentation.com

Symboliken neu zugeschrieben

Dabei geht sie auch gekonnt mit Symboliken um, die teilweise für afrikanische Kultur ganz zentral sind – wie etwa der Peanut (Erdnuss, „Aschanti“) – oder auch von außen zugeschrieben werden können. Wie im Fall des Turbans, der Muschelkette und der Federn, mit denen Angelo Soliman post mortem besetzt wurde. In ihrem Diptychon „In Remembrance To The Man Who Became Known As Angelo Soliman” (2015) befasst sich die Künstlerin mit der Geschichte des um 1720 geborenen Sklaven Soliman, der in mehreren Adelshäusern diente und durch seine Begabungen auch etwa von Kaiser Joseph II. als intellektueller Gesprächspartner geschätzt wurde. Doch sein für einen afrikanischen Sklaven seiner Zeit untypische Aufstieg in der Gesellschaft, fand nach seinem Tod durch einen Schlaganfall ein jähes Ende. Solimans Leichnam wurde ausgestopft und, mit exotisierenden Symbolen geschmückt, im k.u.k. Naturalienkabinett ausgestellt. Kazeem-Kamiński zeigt mit zwei Schaukästen, welche Objekte Soliman vor seinem Tod und nach seinem Tod orientalisierten und bezieht damit auch eine Position zum Prozess der „Zurschaustellung“, die Angelo Soliman widerfahren ist.

Umgelenkte Zurschaustellung

Das Element der Zurschaustellung tritt auch in anderen Arbeiten auf: In der Diashow „You Are Awaited, But Never As Equal“ geht es um eine Gruppe von WestafrikanerInnen, die 1896 in Wien von einer Menschenmenge „willkommen geheißen“ wird. Durch den versetzten Fokus auf die ZuschauerInnen wird offengelegt, wie die Ankömmlinge als „Fremde“, „Wilde“ wahrgenommen werden. Die Praxis, aus Afrika entführte Menschen, ja teilweise ganze Stämme in „Menschenzoos“ auszustellen, ist dabei keine 100 Jahre her. Die Installation „Der Aschanti an der Akademie”(2021) ist dem Schwarzen gewidmet, der an der Akademie der Bildenden Künste in Wien den Zeichenschülern Modell stand. Kazeem-Kamiński entfernt aus einem Druck einer Lithografie von Franz Wolf aus dem Jahre 1833 das Modell und ersetzt es durch eine Muschelkette, die auf dem Podest steht. Der exotisierende Blick der Schüler bleibt somit dem Modell, zumindest in dieser Installation, erspart. Durch das gezielte Auslassen von ProtagonistInnen sowie dem Umlenken des Blicks, greift die Künstlerin in den Lauf der Geschichte ein und eröffnet damit neue Perspektiven.

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Ausstellungsansicht: Belinda Kazeem-Kamiński, Kunsthalle Wien 2021, Foto: www.kunst-dokumentation.com

Über Ausbeutung und Ausstellung

Der stark von Poetik und generationenübergreifender Empfindung durchzogenen Ausstellung von Belinda Kazeem-Kaminski steht jene von Ana Hoffner ex-Prvulović* gegenüber, die analytischer vorgeht. Die Künstlerin, deren Doppelname eine Anspielung auf ihre ex-jugoslawischen Wurzeln ist, hinterfragt unter anderem Besitzverhältnisse in der Kunstbranche. In der großen Werkserie „Private View“ (2018-2021) deckt sie Verstrickungen von Großindustriellen, Privatstiftungen oder prominenten InvestorInnen in der Kunstbranche auf. Hoffner ex-Prvulović* präsentiert anhand einer Installation an der Wand chronologisch zwielichtige Transaktionen zwischen großen Kunstinstitutionen und privaten Mogulen. Einzelpersonen wie der Milliardärin Heidi Goëss-Horten und der ehemaligen Direktorin des Museums im Belvedere Agnes Husslein-Arco ist so auch eine eigene Arbeit namens „Blue Blood“ innerhalb der „Private View“-Serie gewidmet. Die beeindruckende Sammlung Heidi Hortens, zu der Werke von Chagall, über Picasso, Kirchner und Munch, bis zu Alex Katz und Roy Liechtenstein zählen, wurde erst 2018 im Wiener Leopold Museum ausgestellt. Zu ihr gehören auch eine ganze Reihe von Arbeiten, die von den Nazis als „entartete Kunst“ verboten wurde. Goëss-Horten ist die Witwe des Kaufhausmoguls Helmut Horten, der durch den günstigen Erwerb von jüdischen Unternehmen im Zuge der „Arisierung“ in den 1930er Jahren reich geworden ist. Sie erbte sein ganzes Vermögen. Wie an der Pinnwand eines Detektivs zieht Ana Hoffner ex-Prvulović* Verbindungen zwischen der ausbeuterischen NS-Politik hinter dem Vermögen der Milliardärin und ihren Plänen, es mit einem eigenen „Heidi Horten Museums“ zu vergrößern. Unterstützt soll ihr Vorhaben durch die ehemalige Belvedere Museumsdirektorin Husslein-Arco werden, deren Verbindungen zum Rechtsextremismus umstritten sind. Sie wurde bereits als zukünftige Horten-Museumsdirektorin angekündigt.

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Ausstellungsansicht: Ana Hoffner ex-Prvulovic*, Kunsthalle Wien 2021, Foto: www.kunst-dokumentation.com

Großes Vermittlungsangebot

In der zweiteiligen Installation „Active Intolerance“ (2021) dokumentiert die Künstlerin mit einer Fotoserie, die in ihrer serbischen Heimatstadt Paraćin aufgenommen ist, den allmählichen Abbau einer typisch sozialistischen Industriestadt. Nach der Schließung der Produktionsstätten für Glas, Zucker und Textilien überlebte lediglich die Zementfabrik, die mit der österreichischen Strabag zusammenarbeitet. Ein Teil der Installation beim Eingang zur Halle E+G deckt konkret die Situation österreichischer GefängnisarbeiterInnen, die in der Produktion unter schlechten Bedingungen und Niedriglöhnen leidet, und keinerlei Optionen auf eine Organisation in einer Gewerkschaft haben. Eine Videoarbeit, die Werbeclips der Strabag mit Songtexten der einflussreichen jugoslawischen Punkband Ekaterina Velika („EKV“) unterfüttert.

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Installation view: Ana Hoffner ex-Prvulovic*, Kunsthalle Wien 2021, photo: www.kunst-dokumentation.com

Die beiden, multimedialen Einzelausstellungen von Belinda Kazeem-Kamiński und Ana Hoffner ex-Prvulović* sind durch getrennte Eingänge und eine Trennwand unabhängig voneinander besuchbar. Das Abstrakt-Poetische und Analytische stehen dennoch im Hauptausstellungsraum der Kunsthalle zueinander, wie etwa die zwei Hälften eines Gehirns.

So wird beispielsweise an jedem zweiten Sonntag um 15 Uhr eine Führung durch die beiden Ausstellungen angeboten. Geplant sind weiterhin Führungen mit den beiden Künstlerinnen* und Kuratorin Anne Faucheret sowie Workshops und Listening Sessions.

Begleitet wird die bis zum 6. März geöffnete Doppel-Schau durch ein großes Vermittlungsangebot. An jedem zweiten Sonntag um 15 Uhr wird durch die beiden Ausstellungen geführt. Geplant sind auch Führungen mit den beiden Künstlerinnen* und Kuratorin Anne Faucheret, sowie Workshops und Listening Sessions.

Mehr Informationen unter: 
https://kunsthallewien.at/ausstellung/ana-hoffner-ex-prvulovic-belinda-kazeem-kaminski/

 

 

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