Missbrauch an Wiener Schule: Zwei SchülerInnen berichten

03. Oktober 2022

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Klassenzimmer
Foto: Taken (Symbolfoto)

Am 26.September bekam der Skandal um die Missbrauchsfälle an einer Wiener Mittelschule eine überraschende Wendung. Laut der Staatsanwaltschaft Wien hatte der verdächtige Lehrer, der Mai 2019 Suizid beging, zwei Komplizen. Zwei ehemalige SchülerInnen des Pädagogen berichten.


Mai 2019 an einer Wiener Mittelschule. Der Klassenvorstand Herr M. erscheint nicht mehr im Unterricht. Die SchülerInnen der 3H (von der Redaktion geändert) vermuten zunächst nichts. Monate später finden sie heraus: Ihr Sportlehrer hat sich nach einer Hausdurchsuchung und vor seiner Beschuldigteneinvernahme umgebracht.

Ich habe mich mit Maria* und Lukas* getroffen. Sie erzählen mir von der traumatischen Zeit, die sie als SchülerInnen von Herrn M. erleben mussten. Sie geben uns einen Einblick, was wirklich innerhalb des Klassenzimmers vorgefallen ist und werfen der Schulleitung mangelnde Unterstützung vor.

Was ist passiert?
Zur Sachlage: Am 26.09.2022 wurde die Sachverhaltsdarstellung bei der Wiener Staatsanwaltschaft eingereicht. Die Ermittlungen in dem Fall des Wiener Mittelschullehrers, der mittlerweile mind. 25 SchülerInnen im Alter von neun bis 14 Jahren missbraucht haben soll, geht weiter. Die Herstellung und der Besitz von kinderpornographischen Material steht ebenfalls im Raum. Zwei mögliche Mittäter aus dem Umfeld des Lehrers, stehen nun unter Verdacht, ebenfalls sexuellen Missbrauch an Unmündigen begangen zu haben. Die Missbrauchsvorfälle sollen bis ins Jahr 1990 zurückgehen, in verschiedenen Bundesländern. Nicht nur in der Schule, sondern auch im Sportverein, für den M. tätig war, sollen Übergriffe stattgefunden haben.

Die 3H hatte immer ein gutes Verhältnis mit ihrem Klassenvorstand. Ihm war es immer wichtig, dass er weiß, wie es den SchülerInnen privat geht, berichten Maria und Lukas. „Er war chilliger als andere Lehrer. Er hatte immer seine paar Lieblingsschüler, aber wir haben ihn alle gemocht. Für uns war das alles normal, was er gemacht hat“, so Lukas. Doch M. soll auch eine andere Seite gehabt haben. „Wenn du irgendwas gemacht hast, was ihm nicht gepasst hat, ist er sofort ausgerastet und aggressiv geworden. Er hat öfter Gegenstände durch die Klasse geworfen, gegen Tische getreten und Schüler sogar an den Ohren gezogen“, schildert Maria.

Maria und Lukas berichten von mehreren Situationen, die heute betrachtet besorgniserregend und absurd wirken. Lukas erinnert sich an ein prägendes Ereignis, das in der Schiwoche stattgefunden hat. „Ein Mitschüler hatte damals Heimweh und hat die ganze Zeit geweint. Herr M. hat ihn mit auf sein Zimmer genommen und hat ihn bei sich übernachten lassen. Jeder der dabei war, wusste davon. Niemand hat etwas unternommen“. Während derselben Projektwoche habe er außerdem den Schülern angeboten, die Hotelsauna zu benutzen, was von einem Teil der Buben auch angenommen wurde. In der Sauna soll der Pädagoge Handy-Fotos von ihnen gemacht haben.

Die Kinder erinnern sich, dass ein guter Freund von M. ständig bei schulischen Aktivitäten dabei war. Er soll auch ein ehemaliger Schüler von M. gewesen sein. Er kam auf Projektwochen mit, war bei Sportturnieren der Klasse dabei und sogar den Sportunterricht in der Schule besuchte er. Wieso durfte eine externe Privatperson jahrelang Zeit mit den SchülerInnen verbringen? Die Schule soll darüber informiert gewesen sein. Rechtlich dürfen Schulleitungen geeignete Personen als Begleitlehrer einsetzen. Laut Bildungsdirektion wäre es jedoch überlegenswert, „ob hier Anpassungen mit konkreten Vorgaben notwendig sind, die den Kinderschutz in den Mittelpunkt stellen.“

Maria denkt fassungslos an den Sportunterricht zurück. „Beim Geräteturnen war es besonders schlimm. Er hat die Übungen immer mit einem Schüler vorgezeigt und sehr viel Körperkontakt gehabt. Es war schon übertrieben, wo er uns immer hingegriffen hat. Wir kannten es aber nicht anders. Für uns war das alles normal.“ Auch Lukas wird bei dem Gedanken an das Duschen nach dem Sportunterricht unwohl. „Herr M. hat uns immer beim Duschen zugeschaut. Er hat uns auch das Shampoo gegeben und sowas. Einmal hatten wir einen Vertretungslehrer, der rausgegangen ist als wir duschen waren. Wir haben uns gewundert, warum er uns allein lässt. Für uns war das seltsam.“

Beliebt in der Klasse

Der Lehrer soll auch in den Pausen ständig bei seinen SchülerInnen gewesen sein. Laut Maria versammelten sich alle SchülerInnen um seinen Platz herum, um mit ihm zu reden. Seine Lieblingsschüler nahm er zu sich auf den Schoß. Die Kinder vertrauten ihm. Jeder in der Schule wusste von der körperlichen Nähe, die der Lehrer zu seinen SchülerInnen hatte.

Seit dem Tag, an dem ihr Klassenvorstand Herr M. plötzlich nicht mehr auftauchte, veränderte sich für die SchülerInnen alles. „Uns wurde anfangs nicht mal gesagt, dass er sich umgebracht hat. Die Schule hat uns nur gesagt, dass er nicht mehr kommt. Wir dachten, dass er umgezogen ist.“ Die Kinder haben durch das Verhalten der weinenden, schwarz gekleideten LehrerInnen davon mitbekommen, dass er nicht mehr am Leben ist.

Sieben Monate später wurde die Klasse darüber informiert, dass er nach den Missbrauchsvorwürfen im Mai Suizid begangen hat. Die Schule versicherte den SchülerInnen und Eltern, dass in der Schule nichts passiert sei. Auch die Bildungsdirektion beteuerte bis vor ein paar Monaten noch, dass die Übergriffe von M. außerhalb der Schule stattgefunden haben. Dem war nicht so.

Bei der Frage, wie man nach den Ereignissen mit ihrer Klasse umgegangen ist, senken Maria und Lukas betroffen den Kopf. „Jeder hat gewusst, dass wir einen Pädophilen als Lehrer hatten. Manche sind am Klo zusammengebrochen, keiner hat geholfen. Der Direktor hat uns beleidigt, dass wir eine Arschlochklasse sind und nichts auf die Reihe kriegen. Er war sauer, weil uns niemand unterrichten wollte und er das nun tun musste. Das hat er uns auch so gesagt. Uns wurden die ganze Zeit Vorwürfe gemacht, warum wir nie etwas gesagt haben.“ Ich habe versucht, mit dem Direktor Kontakt aufzunehmen - er wollte sich weder die Vorwürfe anhören, noch wollte er sich dazu äußern.

Direktor soll Schülern verboten haben, Name des Lehrers auszusprechen

Die Ereignisse haben die Klassen zusammengeschweißt. Niemand wurde mehr gehänselt, alle sorgten sich umeinander. „Wir standen allein da. Meiner Mutter sagte der Direktor im Einzelgespräch, dass er darauf wartet, dass unsere Klasse aus der Schule raus ist. Dann ist die Sache für ihn gegessen“, berichtet Maria. Als einige Zeit vergangen ist, soll er der Klasse verboten haben, den Namen ihres alten Klassenvorstandes zu erwähnen. Sie durften mit keinen anderen SchülerInnen über ihn sprechen. Der Direktor der Schule wollte sich auch nicht zu diesen Vorwürfen äußern und verwies auf die Bildungsdirektion. 

„Man hätte uns direkt und viel früher aufklären sollen. Auf der einen Seite hat man uns gesagt, dass wir alt genug sind, um den Mund aufzumachen – auf der anderen, hat man uns wie Kinder behandelt und alles versucht zu vertuschen. Ich hätte mir gewünscht, dass sie uns das Leben nicht weiter unnötig schwer machen. Wir wurden wie Ausgesetzte behandelt und in dieser schweren Situation nicht von der Schulleitung genügend unterstützt.“

 

*Namen sind der Redaktion bekannt und wurden geändert.

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