Liebe Generation Z, wir müssen über eure Arbeitsmoral sprechen.

12. Januar 2022

Job-Bewerbungen per Instagram-DM, Sprachnachrichten statt E-Mails, persönliche Befindlichkeiten vor Arbeitsmoral. Revolutioniert die Generation Z gerade mutig und selbstbewusst die Arbeitswelt oder würde ein wenig alte, strenge Schule nicht schaden? 


Die Generation Z ist anders als wir Millenials. In vielerlei Hinsicht: Sie legen quasi „von klein auf“ Wert auf Diversität, Political Correctness, machen sich Gedanken um die Klimakrise und um ihre mentale Gesundheit. Alles Themen, die bei unserein in dem Alter zwar schon in den Startlöchern standen, aber bei Weitem keine Prioritäten waren. Vor allem aber ist die Gen Z mutiger, als wir es gewesen sind.

Ich bin 29 Jahre alt und gehöre noch zu der Generation, in der Autoritäten, Hierarchien und Unterordnung eine riesige Rolle gespielt haben. Mit dieser „Ja-Sager“-Mentalität bin ich aufgewachsen. Sei es durch meine eher strenge Erziehung, durch meine konservative Schullaufbahn oder allgemein durch das damalige vorherrschende „Du hast auf Ältere und Erfahrenere zu hören“-Credo. War alles daran gut und richtig? Auf keinen Fall. 
Was aber die Arbeitswelt betrifft, konkret die Medienwelt, scheint sich hier ein Konflikt anzubahnen. 
Vielleicht spricht auch der Neid aus mir, da die jüngere Generation dieses scheinbar internalisierte Selbstbewusstsein und den Mut hat, Dinge zu tun, die für uns undenkbar gewesen wären. Seinem Chef am ersten Praktikumstag zu widersprechen, sich zu weigern, Aufgaben auszuführen oder nicht einmal daran zu denken, Ausreden zu erfinden, warum man eine Deadline verschlafen hat, scheint ganz unbedenklich zu sein. 

„Duu, also mir geht’s heut nicht so gut, ich bin nicht so gut drauf. Ich komme dann später.“

In unserer Redaktion herrschen seit jeher flache Hierarchien – mir fällt aber immer mehr auf, dass die immer jüngeren Nachwuchstalente diese noch mehr ebben wollen. Mit einer kompletten Selbstverständlichkeit, versteht sich. Aber in einem Umfeld, in dem es sowieso schon keine „von oben herab“-Mentalität gibt, finde ich das einfach respektlos. Sie meckern darüber, dass ein Termin „zu früh“ ist, weil sie eigentlich ausschlafen wollen. Sie haben eine „bessere Idee“, wie man ein Thema journalistisch aufgreift – nur ist diese Idee mangels Erfahrung einfach nicht gut. Kritik vertragen sie aber nicht. Wozu auch, heutzutage kann sich jeder Journalist nennen, der Karussellposts zu gesellschaftskritischen Themen auf Instagram bastelt. Nur dass Insta-Aktivismus kein Journalismus ist, aber darüber sprechen wir ein andermal. 
Zurück zum Tagesgeschäft: 
Wir kriegen Praktikum-Bewerbungen per Instagram-DM, versehen mit Feen-Emojis und Herzchen. Ernst nehmen kann ich so etwas nicht.
So habe ich zur Zeit meiner Praktika solche E-Mails verfasst: 
„Sehr geehrter Herr XY, ich verspäte mich heute 15 Minuten, die U-Bahn hatte eine Störung. Das kommt nie wieder vor, Entschuldigung. Hochachtungsvoll, Aleksandra Tulej.“ 
Jahre später, mittlerweile selbst in einer Führungsposition, bekomme ich von PraktikantInnen Sprachnachrichten mit dem Inhalt: „Duu, also mir geht’s heut nicht so gut, ich bin nicht so gut drauf. Ich komme dann später.“ Meine erste Reaktion: Geht’s noch? Sicher nicht. Mein zweiter Gedanke: Was, wenn ich eine verbitterte alte Frau bin, die in einem verrosteten Konstrukt festhängt, in dem mentale Gesundheit nicht einmal angesprochen wird? Um das zu unterstreichen, drücke ich mich so aus, wie es nur jemand (und dieser jemand kann kein Gen Z’er sein) tut, der gerade alle Folgen der neuen Sex-And-The-City-Fortsetzung in einem durch geschaut hat: Ich kam nicht umhin, mich zu fragen: Sind Millennials die neuen Boomer? 


„Nein, ich muss meinen Hund holen.“
Die Arbeitswelt wandelt sich - und das nicht erst seit gestern. Aber irgendwo habe ich diesen Sprung verpasst. Ich bin in einem Zwiespalt zwischen „Respekt, wie ihr das handhabt“ und „Wo bleibt der Respekt uns gegenüber?“.
Diese Selbstverständlichkeit, mit der diese neue Generation in die Arbeitswelt einsteigt, sich ihre Rechte einfordert und Missstände aufzeigt ist mir neu. Davon können wir uns sicherlich etwas abschauen. Aber wenn jüngere KollegInnen nicht zu einem Zoom-Call erscheinen und „Nein, da bin ich gerade Essen.“ oder „Nein, ich muss meinen Hund holen.“ als komplett selbstverständliche Gründe während der Arbeitszeit ansehen, bin ich ehrlich gesagt baff. 
Melisa Erkurt schreibt in ihrer taz-Kolumne „Revolution in der Arbeitswelt: 9 to 5 ist so Boomer“ genau darüber. Ich muss beim Lesen durchgehend nicken, schmunzeln und auch den Kopf schütteln. Alles gleichzeitig. 
Die Pandemie hat auch ihr Ding getan: Home-Office, Quarantäne weil K1 oder nicht rechtzeitig ausgewertete PCR-Tests. All das und noch viel mehr gehört mittlerweile zu unserem Alltag und verzögert viele Prozesse. Das gute, alte Nine to five gab es im Journalismus eh nie so wirklich, jetzt noch weniger. 

Die Frage ist nun: Was machen wir daraus? Irgendwann werden sie eh nach ihren eigenen Regeln spielen. Bis aber die Gen Z die komplette Arbeitswelt übernommen hat, wird sie einige Jahre noch mit uns Millennials und – oh Schreck – sogar mit verbleibenden Boomern kooperieren müssen. Und wir mit ihnen. 
Wie kriegen wir das also hin? Sollen wir nach der Pfeife der Gen Z tanzen und uns was von ihrer Arbeitsmoral abschauen? Sollen wir ihnen stärker klarmachen, dass sie sich bitte ein bisschen zurücknehmen sollen und dass sie nicht die wichtigsten Schneeflocken auf diesem Planeten sind? Wahrscheinlich nichts davon und beides gleichzeitig. Ich mache einmal den ersten Schritt und frage: Liebe Gen Z- LeserInnen, habt ihr eine Idee? Falls ihr mich nach dieser Kritik hier noch nicht gecancelt habt, versteht sich.

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