Kein Grund, euphorisch zu sein

04. Oktober 2022

Ich kann mich noch gut an Tumblr erinnern. In seiner stärksten Zeit in den 2010er Jahren waren dort vor allem Inhalte rund um Schönheit und Traurigkeit bekannt. Es herrschte eine Atmosphäre des traurigen und mysteriösen girl next door. Als Inspiration galten Seriencharaktere wie Effy Stonem und Cassie Ainsworth (Skins) oder Hannah Baker (13 reasons why). Als pubertierendes Mädchen wollte man so sein wie sie. Doch sie verbanden psychische Probleme Essstörungen und Drogenkonsum mit Ästhetik und Liebenswürdigkeit.

Auf Tumblr geht heute nicht mehr so viel ab, dieses Phänomen hat sich heutzutage aber auf TikTok verlagert. Und die Serien ziehen mit. So romantisiert Euphoria Drogenkonsum, aber auch sexuelle Freizügigkeit Minderjähriger. Rue und Jules schmeißen sich Pillen rein, darauf folgt eine bunt-glitzernde Szene, die die beiden zugedröhnt zeigt. Dabei sind sie aber nicht die ersten: Zwischen 2007 und 2013 konsumierten Effy und ihre Freund*innen mehr Drogen als Nahrung. Cassie aß hingegen gar nichts. Das Ironische ist, dass genau das Jugendthemen sind. Essstörungen, Party und Drogen gehören für viele Jugendliche dazu. Das Problem: In vielen Serien wird vermittelt, dass das etwas Tolles sei. Ein buntes, berauschtes Highlife. Dass aber weder psychische Probleme, gedankenloser Sex noch Drogen Highlife sind, muss ich wohl nicht erklären. Besonders bei weibliche Charaktere findet man leicht das gewisse Etwas. In der Handlung wird sie gerade durch ihr selbstzerstörendes Verhalten besonders und für Liebhaber*innen begehrenswert. Bei den Zuschauer*innen kommt also an: Mein Leben ist langweilig und wenn ich etwas Besonderes sein möchte, muss ich so sein. Das beginnt also damit, dass Minderjährige Mädchen auf Instagram oder TikTok traurige Bilder oder Videos ihrer Vorbilder posten mit Anspielung darauf, das gleiche durchzumachen. Auch diagnostizieren sich Jugendliche immer öfter selbst mit Depressionen oder social anxiety. Dass viele tatsächlich auch ohne Diagnose daran leiden, möchte ich jedoch nicht leugnen. Weiter geht es damit, mit dem Pausenbrot in der Hand Anspielungen darauf zu machen wie sehr man das eigene Leben hasst und sich umbringen zu wollen. Die Freund*innen antworten mit „same“. Enden kann das ganze damit, das Wort in die Tat umzusetzen.

Das Ganze funktioniert erst so gut, weil es Jugendliche so anspricht. Viele befinden sich in einer schwierigen Lebensphase, einige leiden unter Depressionen und Essstörungen. Jugendserien könnten hier eine Vorbildfunktion bieten, diese wird aber nicht wirklich genutzt. Denn anstatt Raum für Entstigmatisierung von psychischen Problemen und ihren Bewältigungsmethoden- zu denen Drogen leider zählen- zu schaffen, werden diese romantisiert.

Immerhin: Es wird nicht gänzlich auf Schattenscheiten vergessen. So wird Rue bei ihrem Entzug begleitet, außerdem werden familiäre Probleme ausgelöst durch ihren Konsum gezeigt. Effy und Cassie gehen schlussendlich in Therapie. Ein Hoffnungsstrahl, der aber nicht alles wett macht. Deswegen lege ich jedem*r Regisseur*in ans Herz, darüber nachzudenken, ob romantisierende Darstellungen wirklich so notwendig sind. Realistisch gesehen erreiche ich die big player Hollywoods und von Netflix nicht, deswegen an die österreichische Bildung: Wenn wir schon nicht die Serien ändern können, dann wenigstens die Medienbildung. Jugendliche brauchen ein stärkeres Verständnis dafür, wie sie mit solchen Inhalten umgehen können- und zwar anders als durch ästhetische Postings und #same.

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