„Meine Mutter hätte lieber einen Stein geboren als mich“

10. Juli 2021

Im Badeanzug am Strand liegen, Musik hören und daten, wen sie möchte – das sind Freiheiten, die Lale Gül (23) nie hatte. Die junge Frau ist in einer türkischen, streng konservativ islamischen Gemeinschaft in Amsterdam aufgewachsen. Ihr Leben war voller Vorschriften und Regeln, bis sie im Februar 2021 einen autobiografischen Roman verfasste.

von Jara Majerus, Fotos: Emiel Janssen

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(C)Emiel Janssen

BIBER: Deine Familie ist Teil einer türkischen Gemeinschaft. Inwiefern hat die Kultur deiner Familie und deiner Gemeinschaft dein Leben beeinflusst?

LALE GÜL: Meine Eltern kommen beide aus dem Dorf Kümbet in der türkischen Provinz Sivas. Sie sind in den 90er-Jahren zum Arbeiten und Geldverdienen in die Niederlande gekommen. Ich selbst bin gemeinsam meinem kleinen Bruder und meiner kleinen Schwester in Amsterdam West aufgewachsen, in einem Viertel, in dem eigentlich alles türkisch ist. Es fühlt sich dort ein bisschen an wie eine Parallelgesellschaft. Meine Mutter spricht im Alltag zum Beispiel eigentlich nur Türkisch. Niederländisch hat sie nie wirklich gelernt. Einfach, weil sie das in unserer Nachbarschaft nicht braucht und sie auch nicht arbeitet. Mein Vater hingegen arbeitet sehr viel - als Postbote und als Reinigungskraft in Zügen. Deshalb spricht er auch ein bisschen Niederländisch. Trotzdem konsumiert er - wie meine Mutter auch- ausschließlich türkische Nachrichten. Das heißt, dass alles, was ich sprachlich von Zuhause aus mitbekommen habe, Türkisch war.

Nicht nur die Kultur, sondern auch der Glaube deiner Familie hatten großen Einfluss auf deine Jugend. Wie hat dieser Einfluss ausgesehen?

Meine Eltern sind sehr streng konservativ islamisch. Von meinem sechsten bis zu meinem siebzehnten Lebensjahr bin ich jeden Samstag und Sonntag in die Koranschule gegangen, um Korantexte auswendig zu lernen und mehr über den Islam und das Leben des Propheten zu erfahren. Zu Hause hat es sehr viele Regeln gegeben, an die ich mich habe halten müssen. Ich durfte zum Beispiel keine Serien schauen, in denen sich Menschen küssen. Ich durfte nicht ausgehen und musste ein Kopftuch, lange Röcke und weite Kleidung tragen. Ich durfte mich nicht wie die anderen Mädchen an meiner Schule schminken oder meine Nägel lackieren. Aber was mich an all diesen Regeln am meisten gestört hat, war, dass ich mich nicht verlieben durfte, in wen ich wollte.

Das wurde später auch noch zum Problem, wie man in deinem Buch lesen kann. Denn du hast dich in jemanden verliebt, den deine Familie nicht akzeptiert hat.

Als ich 18 Jahre alt war, war ich in einen Jungen verliebt. Wir waren drei Jahre lang in einer Beziehung. Aber ich habe gewusst, dass meine Eltern ihn nie akzeptieren würden. Er war nämlich kein Türke, sondern Niederländer. Und Muslim war er auch nicht. Also habe ich mich immer heimlich mit ihm getroffen. Jedes Mal, wenn ich mit ihm unterwegs war, habe ich meinen Eltern etwas vorlügen müssen. Aber sie sind misstrauisch geworden und irgendwann habe ich ihnen dann erzählt, dass ich einen niederländischen Jungen kennengelernt habe. Zu Hause war die Hölle los. Es war schrecklich für meine Eltern, dass ich mich ihn jemanden verliebt hatte, der weder ihre Kultur noch ihre Religion geteilt hat - ihr schlimmster Albtraum. Meine Mutter hat gesagt, dass sie lieber einen Stein geboren hätte als mich. Und ich habe mich entscheiden müssen: mein Freund oder meine Familie.

In deinem Buch erzählst du, dass du dich damals für deine Familie entschieden hast. Die Trennung von deinem Freund scheint bei dir aber viel losgerüttelt zu haben.

Ja, das stimmt. Nach der Trennung habe ich unglaublichen Liebeskummer gehabt. Ich habe meinen besten Freund verloren, war zynisch und habe keine Freude mehr gehabt am Leben. Ich war einfach unglücklich. Ich habe dann beschlossen, dass ich etwas unternehmen muss, um mich aus dieser Gefühlslage zu befreien. Irgendwie habe ich sofort gewusst, dass es helfen würde, mein Kopftuch abzunehmen. Ich habe es also einfach nicht mehr getragen. Zu dem Zeitpunkt habe ich auch einfach schon nicht mehr an Gott geglaubt.

War die Trennung von deinem Freund der Grund, warum du angefangen hast die Regeln, mit denen du aufgewachsen bist, zu hinterfragen und schlussendlich auch zu brechen?

Eigentlich haben meine Zweifel angefangen, als ich bemerkt habe, dass ich und die Frauen in meinem Umfeld viel strengeren Regeln folgen mussten als die Männer. An einem sehr heißen Sommertag ist mir zum Beispiel aufgefallen, dass mein Bruder, meine Cousins und eigentlich alle Männer um mich herum einfach in Badehose zum Strand gegangen sind. Das war gar kein Problem. Ich und alle anderen Frauen um mich herum durften das nicht. Wir sollten uns bedecken, hat es geheißen. Aber warum darf eine Frau ihren Körper nicht sehen lassen und ein Mann schon? Das ist pure sexistische Ungleichbehandlung und die endet ja nicht auf diesem Strand: Mein Bruder hat meinen Eltern zum Beispiel nie erklären müssen, wo er war, mit wem er unterwegs war, warum er spät abends noch raus will oder wo er die Nacht verbracht hatte. Er musste ihnen nie sein Handy zeigen oder ihnen erzählen, mit wem er chattet. Bei mir war es das genaue Gegenteil!

Auf den ersten Seiten deines autobiografischen Romans schreibst du, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wenn du deine Geschichte nicht veröffentlicht hättest. Wieso hast du es bereut, mit deiner Geschichte an die Öffentlichkeit getreten zu sein?

Wegen all der Drohnachrichten, die ich bekommen habe - insgesamt waren es 70. Jungs aus meiner Nachbarschaft haben mir geschrieben, dass ich ihnen besser nicht über den Weg laufen soll. Ich habe ein Foto von einer Schusswaffe zugesendet bekommen. Noch dazu hat mir die Sharia for Holland auf Instagram gedroht, dass ich offiziell auf ihrer schwarzen Liste stehe, dass sie wissen, wie ich aussehe und große Pläne mit mir haben. Da habe ich es wirklich mit der Angst zu tun bekommen. In meinem Buch steht ja auch, wo ich gewohnt habe. Während dieser Zeit bin ich nicht mehr allein auf die Straße gegangen und kurze Zeit später bin ich umgezogen. In meiner Nachbarschaft habe ich sowieso kein Leben mehr gehabt. Mit meinen Eltern habe ich mich nur noch gestritten und wenn ich draußen unterwegs war, haben mich meine Nachbarn angefeindet, beschimpft und bespuckt.

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(C)Emiel Janssen

Was glaubst du, warum dein Buch so viele Leute in deinem Umfeld verärgert hat?

Ich habe das Gefühl, dass alle aus der muslimischen Gemeinschaft mich als ultimativen Feind sehen. Als eine Islam-Feindin, die rassistisch ist und rechten Politikern in die Karten spielt. Ich bekomme viele Nachrichten von Leuten, die sagen, dass ich mein Buch nicht hätte schreiben dürfen. Dass ich still bleiben hätte sollen, die schmutzige Wäsche nicht draußen aufhängen hätte dürfen. Die denken sich wahrscheinlich ‚Wer ist diese Schlampe? Wer ist diese Frau, die wir nicht zum Schweigen bringen können?‘.

Dein Buch hat neben den Drohungen und den Hassreaktionen auch zu Lob geführt - unter anderem von rechten Politikern: Geert Wilders, Vorsitzender der rechtspopulistischen Partij voor de Vrijheid (Partei für die Freiheit), hat dich in einer Wahldebatte im März eine ‚tapfere, türkische Dame‘ genannt. Wie findest du diesen Zuspruch?

Wilders hat so viele unrechte Dinge gesagt. Er kritisiert ja nicht einfach nur den Islam, sondern verbindet das auch immer mit Ethnizitäten. Der hetzt gegen Marokkaner und sagt Sachen wie: „Die Niederlande sollen den Niederländern gehören“ und wir wissen alle, was er damit meint. Damit will ich einfach nicht assoziiert werden. Ich bin eine frei denkende, demokratische und progressive Person. Gleichzeitig sind Wilders und andere rechte Politiker aber die einzigen, die den Islam überhaupt kritisieren. Deshalb überschneiden sich einige meiner Aussagen auch mit ihren, aber das ist nicht meine Schuld. Eigentlich müssten es nämlich die progressiven Parteien sein, die Religionen kritisieren. Die sprechen immer über das Patriarchat, Feminismus und Gleichberechtigung aber muslimische Gemeinschaften schließen sie in diese Diskussionen nicht mit ein.

Du hast deine Geschichte in die Öffentlichkeit getragen und dich dadurch aus einer Gemeinschaft befreit, zu der du nicht mehr gehören wolltest. Dafür hast du einen hohen Preis gezahlt: Du hast deine Anonymität aufgegeben, die Wut deiner Familie und deiner ehemaligen Community auf dich gezogen und du wirst bedroht. Dein Buch trägt den Titel „Ik ga leven“ (Ich werde leben) und da stellt sich natürlich die Frage: Lebst du jetzt?

Ja. Ich tue alles, was ich tun will – abgesehen davon, dass ich jetzt nicht mehr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln reise, weil ich Angst habe, erkannt und angegriffen zu werden. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich alle eisernen Ketten von mir abgeworfen habe. Also: ja.

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Lale Güls Buch „Ik ga leven (dt. “ich werde leben”) ist im Februar bei dem niederländischen Verlag Prometheus erschienen.

 

INFOBOX
Der Islam in den Niederlanden

Laut den Daten des Centraal Bureau voor de Statistiek (Zentralbüro für Statistik) lebten im Jahr 2019 rund 850.000 Muslim*innen in den Niederlanden. Viele von ihnen haben einen türkischen oder marokkanischen Migrationshintergrund. Die muslimische Community ist sehr divers und wird durch die niederländische Verfassung geschützt. Diese beinhaltet zudem das Recht der Bildungsfreiheit, welche die Existenz von 54 islamischen Grundschulen sowie zwei islamischen Hochschulen im Land ermöglicht.
Laut einem 2018 veröffentlichten Report des Sociaal en Cultureel Planbureau (Büro für soziale und kulturelle Planung), hat die Ungleichbehandlung von Muslim*innen in den Niederlanden in den letzten Jahren zugenommen. So gab es einen Anstieg an aggressiven Handlungen gegenüber Moscheen und die Antidiskriminierungsstellen des Landes verzeichneten mehr Vorfälle als in den Jahren zuvor.

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