Die Sehnsucht nach meiner Mutter ist dem österreichischen Staat nicht glaubhaft.

06. Dezember 2021

Autor Jad Turjman über den bürokatischen Spießrutenlauf, den er für einen kurzen Besuch seiner Eltern auf sich nehmen musste - und der darauffolgenden Absage. 

Jad Turjman
Eine Erinnerung aus der Kindheit: Autor Jad Turjman und seine Mutter.

Ich möchte so gerne meine Mutter und meinen Vater wiedersehen. In den letzten zwei Jahren überfällt mich die Sehnsucht ständig, meinen Kopf in den Schoß meiner Mutter zu legen und zu ruhen. Das Kind in mir formuliert seine Bedürfnisse mittlerweile ganz eindeutig aus. Vor zwei Jahren habe ich sie eingeladen, mich in Österreich zu besuchen. Leider wurde der Visumantrag von der österreichischen Botschaft in Beirut mit der Begründung ausgeschlagen, dass es keine ausreichenden Beweise gäbe, die versichern, dass sie Österreich wieder verlassen würden. Hier zu bleiben käme für meine Mutter nicht in Frage. Sie ist trotz der widrigen Lebenssituation tief in ihre Heimat vernarrt, und muss sich für die paar Tage des Besuches regelrecht überwinden. Ich dachte damals, dass es an meinem Menschstatus liegt. Ich galt bei den Behörden noch als Flüchtling. So wartete ich, bis ich die österreichische Staatsbürgerschaft erhalte, um sie erneut einzuladen.

Wie wir alle schon wissen, ist das Gewicht der Existenz eine:r Österreicher:in ganz ein anderes als das eines Flüchtlings. Und nun bin ich offiziell, möge Gott mich vor Neid schützen, Österreicher. Ich habe sie, mit der Hoffnung, dass meine Eltern zu Weihnachten bei mir sind, nochmal eingeladen. Diesmal wollte ich alles richtig machen. Ich bat einen Freund, der sowohl autochthoner Österreicher ist als auch ein mehr als gesichertes Einkommen hat, beim Visumantrag für die Aufenthaltskosten und die Abreise meiner Eltern mitzubürgen. Sie können, liebe Leserinnen und Leser, sich da den bürokratischen Aufwand vorstellen. Nicht nur für mich hier in Österreich, sondern auch für meine Eltern. Denn in Syrien hat die österreichische Botschaft seit dem Kriegsbeginn dichtgemacht. Sie mussten nach Beirut reisen, in Zeiten der Pandemie und der neuen Regelung seitens des syrischen Regimes, dass jede:r, der Syrien wiederbetreten will, hundert Dollar hergeben soll. Eine andere Absurdität, von der ich euch ein anderes Mal erzähle. Long Story short: Nach dem Marathonlauf der Dokumente sammeln, Formulare ausfüllen, Urkunden nachreichen und dem vielen bezahlten Geld für den ganzen Prozess, traf gestern die Ablehnung des Antrags ein.

Die Begründung der Ablehnung ist zynisch, diffus und menschenverachtend. „Die vorgelegten Informationen über den Zweck und die Bedingungen des geplanten Aufenthalts waren nicht glaubhaft.“ „Es bestehen begründete Zweifel an Ihrer Absicht, vor Ablauf des Visums aus dem Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten auszureisen.“ Sie sind auch der Meinung, dass es sich bei dem Freund, der für den finanziellen Aspekt gebürgt hat, um eine Gefälligkeit handelt. Das ist noch harmlos. Das Verletzende kommt noch. Meine Mutter hat vor einigen Jahren einen Schlaganfall erlitten. Da sie noch leicht humpelt und die Mitarbeiter:innen der Botschaft womöglich ihren Gang registrierten, unterstellen sie ihr in der Begründung, dass sie sich hier medizinisch behandeln wolle, und dass sie daher Österreich nicht rechtzeitig verlassen wird…

Mir fehlen ehrlicherweise die Worte, wie ich auf diesen diskriminierenden, erniedrigenden und würdelosen Umgang antworten soll. Ich weiß nur, dass das Kind in mir wütend und enttäuscht ist. Das traurige daran ist, dass diese menschenverachtenden Strukturen nicht neugeboren sind. Sie sind das Resultat jahrelanger Überheblichkeit und Empathielosigkeit. Ich schreibe darüber, weil ich diese Realität nicht achselzuckend und widerstandlos annehmen will. Ich werde weiterhin anstreben, von einer Welt zu träumen, in der jeder Mensch unabhängig von seiner Nationalität, seiner Leistung und seinem Kontostand gleich viel wert ist. Ich hoffe, ihr tut dasselbe mit mir mit.

 

Jad Turjman
Foto: Robert Herbe

Zum Autor: Jad Turjman ist Schriftsteller, Poetry-Slammer und schreibt in seiner Kolumne für das biber Magazin regelmäßig über seine Erfahrungen als Geflüchteter in Österreich. Kürzlich veröffentlichte er seinen zweiten Roman "Der Geruch der Seele".

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