Falsche Vorbilder

25. Februar 2021

 Hört auf, den westlichen Schönheitsidealen nachzueifern!

Kleine Nase, blaue Augen, keine Körperbehaarung: Mädchen und Frauen aus der iranischen und kurdischen Community in Österreich versuchen ihr ganzes Leben lang, einem weißen, eurozentrischen Schönheitsideal nachzueifern. In BIPOC (Black, Indigenous, People of Colour)-Kreisen werden Rufe wie „Decolonize your beauty-standards!“ laut. Es wird Zeit, rassistische Schönheitsideale abzulegen und zu natürlichen Features zu stehen. Als Akt radikaler Selbstliebe.

Text: Sara Mohammadi, Fotos: Tina Herzl

Foto: Tina Herzl
Foto: Tina Herzl

Sara jan, ich habe dir etwas für deine Schulaufführung gekauft“, sagt meine Mutter zu mir und überreicht mir ein schönes, weißes T-Shirt, das etwas bauchfrei ist. Stolz und glücklich ziehe ich es an. Ich bin gerade einmal neun Jahre alt. Heute findet eine Talentshow in meiner Volksschule statt, bei der die verschiedenen Klassen etwas aufführen. Meine Klasse hatte beschlossen, zu „Lucky“ von Britney Spears zu tanzen. Doch während wir noch im Unterricht sitzen, bemerke ich, wie sich meine Mitschüler*innen etwas zuraunen. „Schau, die Sara hat voll die Rückenhaare“, flüstern sie sich zu. „Boah, das ist so eklig!“ Im Laufe meiner Kindheit und Jugend hören die Kommentare bezüglich meiner Körperbehaarung nicht auf

– seien es eher harmlose Kommentare, die einfach den „state of the art“ meines Körpers kommentieren, wie „du bist voll behaart“ oder rassistische Aussagen wie „Du Affe“. Die Lästereien führen dazu, dass ich einige Zeit akribisch meinen gesamten Körper enthaare und erst wieder ein Croptop anziehe, als ich als Teenager eine Enthaarungscreme für den Rücken entdecke. Schmerzvolle Erfahrungen dieser Art habe nicht nur ich gemacht, sie sind gang und gäbe in der iranischen und westasiatischen Community.

 

KÖRPERBEHAARUNG UND MONOBRAUE

„Ich hatte immer Angst, dass jemand meine Körperbehaarung sehen könnte. Ich habe deswegen immer lange Hosen und T-Shirts getragen. In der Schule habe ich immer ein Unterleiberl angehabt, damit, falls ich mich bücke, niemand meine Rückenbehaarung sehen kann“, erzählt Gülden. Gülden ist Kurdin und 24 Jahre alt. Auch sie wurde in der Schule aufgrund ihrer Körperbehaarung und Hautfarbe gemobbt, auch sie wollte blond und hell sein. „Das Mobbing hat dazu geführt, dass ich früher alles, was „orientalisch“ aussah, nicht schön fand. So begann ich früh meine Augenbrauen zu zupfen und mein Gesicht zu waxen.“

Heute findet sie, dass sich vor allem durch Social Media langsam etwas verändert. „Mittlerweile gibt es ja auf Instagram Accounts, die Körperbehaarung normalisieren möchten. Mich stört aber, dass es vor allem weiße Menschen sind, die vielleicht ein paar Härchen unter der Achsel haben, weil sie sich zwei, drei Monate nicht rasiert haben. Ich würde mir da viel mehr BIPoC wünschen, die ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht haben.“

Eine dieser Frauen, wenn auch nicht als Influencerin aktiv, ist Jasmin, 23. Jasmin hat iranische Wurzeln. Sie hat sich bis in die Oberstufe im Gymnasium die Augenbrauen gezupft – weil sie aufgrund ihrer dunklen Gesichtsbehaarung gemobbt wurde. Doch dann beschloss sie, sich ihre natürlichen Features wieder anzueignen. Heute trägt sie stolz eine Monobraue. „Die meisten weißen Frauen sich plötzlich dickere Augenbrauen ins Gesicht malen, sich aber nicht trauen, eine Monobraue ins Gesicht zu ‚malen‘. Mittlerweile will ja fast jede dichte Augenbrauen haben.“

Foto: Tina Herzl
Foto: Tina Herzl

CARA DELEVINGNE UND DER EUROZENTRISMUS

Jasmin spricht damit einen wichtigen Punkt an. Denn seitdem das Model Cara Delevingne mit ihren dichten Augenbrauen die Laufstege eroberte, sind buschige, aber nicht zu buschige Augenbrauen vollkommen in Mode. Das, wofür westasiatische und nordafrikanische Frauen jahrelang gemobbt wurden, wurde wieder in, weil es eine weiße Frau trug. Während ich lange gerne geglaubt habe, dass ich heute meine Augenbrauen wieder dicht trage, weil ich mich gegen eurozentrische Schönheitsideale auflehnen will, hat das wohl eher mit dem Aufstieg von Cara Delevingne zu tun gehabt.

Eurozentrismus in Schönheitsidealen bedeutet, dass unser Konzept von Schönheit, also das, was wir als schön empfinden, vom Westen beeinflusst und vorgegeben wird. Das geht von Hautfarbe über Haartextur bis zu gewissen „Features“, also Gesichtszügen. Eines der wichtigsten Features dabei ist die kleine, europäische Nase. Wie absurd das Streben nach diesem Ideal werden kann, zeigen eindeutig die zahlreichen Nasenoperationen im Iran und im westasiatischen Raum, die sich oft auf die Diaspora dieser Länder im Westen auswirken.

 

NASEN-OP ZUR VOLLJÄHRIGKEIT

Etwa 200.000 Nasenoperationen pro Jahr finden im Iran statt. Unabhängig von Geschlecht oder Alter: Nasenoperationen sind so normal wie eine Zahnspange oder eine Pediküre. In meiner Familie sind sie total normalisiert und ich bin mit Gesprächen über vermeintlich „perfekte“ Nasen und dem Wunsch, solch eine zu haben, aufgewachsen. Ich habe es mir auch schon mehr als einmal überlegt, meine Nase zu operieren. Nicht selten wird Töchtern und Söhnen zum 18. Geburtstag eine Nasenverkleinerung geschenkt. Auch viele Iraner*innen, die in der Diaspora leben, streben die kleine, europäische Nase an. Dafür reisen sie extra in den Iran ein, nicht zuletzt aus Kostengründen.

„Ich glaube, dass der kulturelle Einfluss aus dem Iran in Österreich eine große Rolle spielt. Dort lassen sich so viele Frauen und Männer die Nase operieren, man macht sich also schneller Gedanken darüber. Es ist einfach sehr üblich dort, man hat einfach einen leichteren Zugriff auf Operationen“, erklärt Kani, 24. Kani ist Kurdin aus dem Iran und hat sich vor fast zwei Jahren die Nase operieren lassen. „Mit 14 habe ich angefangen zu merken, dass mir meine Nase nicht so gefallen hat. Die Mädchen in meiner Klasse hatten alle kleine Nasen und ich habe mich mit ihnen verglichen. Die Jungen haben mich öfters auf meine Nase angesprochen und ich habe mich damit unwohl gefühlt.“ Kani hat ihren Unmut über ihre Nase zwar ihrer Mutter gegenüber öfters erwähnt, ihrem Vater jedoch nicht direkt gesagt, da sie wusste, dass so eine Operation nicht billig ist. „Er hat es aber irgendwann gemerkt und mich direkt gefragt, ob ich eine Nasen-OP haben möchte.“ Ihr Vater finanzierte schließlich die Operation, ein Familienmitglied kümmerte sich um die Organisation: „Die Frau meines Cousins hatte schon öfters Nasen-Operationen für Familienmitglieder organisiert. Ich musste nur mehr in den Iran fliegen, mir die Nase von dem Schönheitschirurgen ansehen lassen und zur Operation gehen. Den Arzt habe ich vor der OP eigentlich nur einmal gesehen. Dieser wollte ein Foto von meinem Nasenprofil, hat mir Blut abgenommen und mir erklärt, wie die OP verlaufen wird. Insgesamt hat die OP sechs Stunden gedauert.“ Kani steht zu ihrer Entscheidung: „Ich habe lange wegen meiner Nase mit meinem Selbstbewusstsein gekämpft. Durch die Operation bin ich selbstbewusster geworden. Ich finde es nicht schlimm, wenn man das haben möchte.“

Foto: Tina Herzl
Foto: Tina Herzl

BEAUTY-DOC-INSPO AUF INSTAGRAM

Doch im Boom der weltweiten Schönheitsindustrie gibt es einen wichtigen Faktor, den man nicht vergessen darf: Instagram, eine Plattform, die Fluch und Segen zugleich ist. Zwar finden dort immer mehr Body-Positivity und Inklusivität bezüglich Schönheit statt, gleichzeitig spielt Instagram keine unwichtige Rolle, was Body-Image-Issues betrifft.

Laut der Deutschen Gesellschaft für ästhetisch-plastische Chirurgie kurbeln soziale Medien die Nachfrage nach Schönheitsoperationen an. So sagten 14 Prozent der von ihnen befragten Patient*innen, dass sie durch Selfies zu einer Schönheitsoperation motiviert wurden. Jede*r Zehnte konsultierte bei der Suche nach Informationen zu ästhetisch-plastischen Behandlungen Instagram, Facebook & Co.

So gibt es nicht wenige Instagram-Kanäle von Schönheitschirurgen, die Vorher-Nachher Fotos ihrer Patient*innen posten, auch Influencer*innen mischen da ganz schön mit. „Ich habe vor allem durch Influencerinnen auf Instagram gelernt, dass man sich die Nase auch mittels Hyaluron spritzen und sie so entweder kleiner oder größer aussehen lassen kann. Das ist weniger aufwendig als eine Operation und kostet auch weniger“, erzählt Susanna, 23. Sie führt einen ständigen Kampf mit sich und ihrer Nase. „Ich mag einfach meinen Höcker nicht und hätte gerne eine Stupsnase“, erzählt sie. „Aber ich versuche mich, damit abzufinden und meine Nase zu mögen. Manchmal gelingt es mir jedoch nicht. In diesen Momenten würde ich schon gerne zur Spritze greifen.“

Neben Detox-Tees und Öko-Unterwäsche finden sich also mittlerweile auch Werbungen für Schönheitseingriffe und Gesichts-Korrekturen. Schönheit wird also immer mehr ein kapitalistisches Instrument: Es wird jungen Mädchen und Frauen gezeigt, wie sie sich Features kaufen können, um letztendlich dem immer noch sehr weißen Schönheitsideal entsprechen zu können. Doch woher kommen unsere Schönheitsideale?

 

SCHÖNHEIT – EIN KOLONIALES ERBE

In einer Folge des deutschen Podcastes „Realitäterinnen“ sprachen die afghanisch-deutsche Künstlerin Moshtari Hilal und die Gründerin Nana Addisson über den Ursprung dieser Schönheitsideale. Beide sind sich dabei einig, dass Vieles auf die Kolonialzeit zurückzuführen sei, in der weiße Menschen gegenüber BIPoC hierarchisch überlegen definiert wurden. Das Ideal sei also gewesen: Helle Haare, helle Augen, helle Haut, kleine Nase. Diese kolonialen Vorstellungen breiteten sich mit der Globalisierung immer weiter aus, sodass sie sich bis heute auf unsere Wahrnehmungen von Schönheit auswirken. „Beauty“ ist also auch etwas, was systematisch zu betrachten und historisch gewachsen ist.

Die rassistischen Ideale lassen sich damit insbesondere in der Schönheitsindustrie finden. Laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung sind 80% aller Models auf Laufstegen und Magazincovern weiß, nur 2,3 Prozent kommen aus Westasien und Nordafrika. Wenn

sie medial auf irgendeine Art und Weise repräsentiert werden, dann auf dem „Vorher“-Bild eines Instagramsposts über Nasen-OPs.

Viele Frauen, die nicht in das Schönheitsideal passen, greifen zu anderen Mitteln, die auch gefährlich sein können. Neben der Nasenverkleinerung bietet die VOGUE Arabia, der arabische Ableger des Modemagazins, unter dem Suchwort „slimmer nose“ Anleitungen an, wie Leser*innen ihre Nase nicht-operativ kleiner erscheinen lassen können – von Contouring bis zu einer speziellen Massage. In der Jugendzeit meiner Mutter war es nicht unüblich, die Armhaare mit Bleichmittel heller zu machen, in vielen Ländern bleichen sich WoC (Women of Colour) sogar die Haut, um weißer zu wirken. Das bleibt jedoch nicht nur bei der Hautfarbe: „Blaue oder grüne Augen waren voll mein Ideal. Ich habe mir sogar extra grüne Kontaktlinsen gekauft“, erzählt Susanna. Das passiert nicht selten in migrantischen Communities in Österreich. Auch im Iran und im westasiatischen Raum gelten vor allem Frauen mit heller Haut und entweder grünen oder blauen Augen als „schöner“ oder „besonderer“, weil sie dadurch als ‚Weiß‘ markierte Features haben.

Foto: Tina Herzl
Foto: Tina Herzl

„DECOLONIZE YOUR BEAUTY-STANDARDS!“

In BIPoC-Communities werden Rufe laut, diese kolonialen und kapitalistischen Strukturen der Schönheitsideale abzulegen. Nicht-weiße Frauen sollen erkennen, dass die Standards von dem, was sie als „schön“ empfinden, uns eingetrichtert wurden und wir diese Ideale internalisiert haben, ohne darüber nachzudenken, woher sie eigentlich stammen. „Decolonize your beauty-standards!“ fordert, sich aktiv mit diesen Konzepten auseinanderzusetzen und damit die Vorstellungen von Schönheit zu entkolonialisieren. Steh zu deinen eigenen natürlichen Features!

Um eines aber klarzustellen: Ich bin nicht hier, um die zu verurteilen, die sich für eine Nasen-OP entscheiden – denn, wenn etwas nicht einfach ist, dann Unsicherheiten, die einem jahrelang von anderen Menschen eingetrichtert worden sind, abzulegen. Aber uns muss klar sein, dass, wenn wir uns die Nase machen oder sämtliche Körperhaare entfernen, die Gründe dafür auch problematisch sein können. Und so wird jeder bewusste Schritt in Richtung Ablehnung kolonialer Schönheitsideale ein radikaler Akt der Liebe gegenüber uns selbst und unserer Herkunft. ●

 

Zur Autorin: Sara Mohammadi ist 24 Jahre alt und hat iranische Wurzeln. Sie ist Absolventin der biber-Akademie und studiert Internationale Entwicklung. Sara schreibt vor allem über Rassismus, Feminismus und arbeitspolitische Themen.

Dieser Artikel ist Teil des biber-Empowerment-Specials "Du bestimmst. Punkt."  Junge Frauen aus den Communities berichten im Rahmen des Projektes darüber, wie sie für Selbstbestimmung kämpfen. Das Projekt wird durch den Österreichischen Integrationsfonds finanziert. Die Redaktionelle Verantwortung liegt allein bei biber. 
Hier findet ihr die anderen Artikel, die im Rahmen des Projektes entstanden sind:

 

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