"Die Menschlichkeit ist gestorben."

14. April 2021

Er war erst 21 Jahre und feierte seine Abrüstung vom Bundesheer als Nedzip Vrenezi vom islamistischen Attentäter in Wien erschossen wurde. Fast ein halbes Jahr nach der Terrornacht fühlt sich die Familie des Austro-Mazedoniers von der Politik völlig im Stich gelassen. Die bisherige Bilanz: 3.600 Euro fürs Begräbnis, sechs Stunden an psychosozialer Beratung und ein Innenminister auf Tauchstation.

Text: Amar Rajković, Mitarbeit: Aleksandra Tulej, Fotos: Mafalda Rakoš

Eugen Kaba
Mafalda Rakos

Es ist ein wechselhafter Apriltag mitten im Lockdown. Nur wenige Menschen irren in den verwinkelten Gässchen des Wiener Bermuda-Dreiecks herum. Eugen Kaba ist einer von ihnen. Der 35-jährige Besitzer einer Reinigungsfirma hält kurz inne, als er sich über den grauen Gedenkstein am Desider-Friedmann-Platz im 1. Bezirk beugt. Dort steht eingraviert: „In Gedenken an die Opfer des Terroranschlags vom 2. November 2020“, darunter die Übersetzung auf Englisch und ein Wappen der Stadt Wien. Schluss. Kaba telefoniert bei unserer Ankunft. Wortfetzen wie „Verfassungsschutz“, „Gericht“ oder „so schnell wie möglich“ sind zu vernehmen. Er wirkt müde, geschlaucht. Die fünf Monate seit dem Anschlag haben ihre Spuren hinterlassen. Körperlich, aber vor allem seelisch. Kabas 21-jähriger Cousin Nedzip Vrenezi war das erste Opfer des ebenfalls aus Mazedonien stammenden Terroristen. Er feierte an diesem Abend das Ende seines Präsenzdienstes und wurde auf der Jerusalemstiege erschossen, einen Steinwurf vom schmucklosen Gedenkstein entfernt, wo wir im einsetzenden Schneetreiben Fotos von Kaba schießen.

VIEL IST NICHT PASSIERT

 Am 2. November 2020 tötet ein Islamist vier Menschen im beliebten Ausgehviertel „Bermudadreieck“ in der Wiener Innenstadt. Das ganze Land steht unter Schock. Bürgermeister Ludwig spricht von einer „Zäsur“, Bundeskanzler Kurz „von einem Anschlag auf die freie Gesellschaft“. Der für diese Anlässe typische Satz „Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei den Opfern und ihren Angehörigen“, ist omnipräsent. Die Mittäter würden zur Rechenschaft gezogen, das Land würde zusammenrücken in diesen schwierigen Zeiten, die Familien der Opfer ihre Unterstützung bekommen, war der Grundtenor.

Gedenkstein für den Terroranschlag
Gedenkstein für den Terroranschlag (Foto: Mafalda Rakos)

UND, WAS IST PASSIERT?

Nicht viel, wenn man den Ausführungen Kabas zuhört: „Bei uns Muslimen sind die Türen bis drei Tage nach dem Tod eines Angehörigen für jeden offen. Auf den Besuch des Innenministers oder Kanzlers haben wir vergeblich gewartet“, erinnert er sich und konstatiert: "Die Menschlichkeit ist gestorben." Die einzigen PolitikerInnen, die sich bei ihnen gemeldet hätten, seien Bundespräsident Alexander Van der Bellen und die Wiener Stadträtin für Kultur Veronica Kaup-Hasler gewesen. Zwar auch nur in Form eines Briefes, aber immerhin. Das seien aber die falschen Personen. Bundeskanzler Kurz und Innenminister Nehammer müssen sich bei ihm und seiner Familie entschuldigen, fordert Kaba, der im Namen der Familie spricht. Nehammer, weil er als Innenminister die Verantwortung für den Bundesverfassungsschutz trage, und Kurz, weil er der Chef der Regierung ist. Der zweifache Familienvater, der in letzter Zeit öfters im Fernsehen zu sehen war, werde sich auch von anonymen Drohanrufen nicht einschüchtern lassen, verkündet er. Einschüchtern lassen? Kaba zuckt mit den Achseln: „Ich wurde vor ein paar Tagen von einer anonymen Nummer angerufen, die Stimme am Telefon riet mir, ich solle gefälligst die Schnauze halten. Einschüchtern lasse ich mich sicher nicht!“ Matthias Burger, der Anwalt der Familie, hatte Mitte Februar bekanntgegeben, die Republik mit einer Amtshaftungsklage zu belegen. Da seiner Meinung nach das Verschulden des Innenministeriums auch laut der eigenen Untersuchungskommission nachgewiesen wurde, fordert der Anwalt je 30.000€ Trauerschmerzen-Entschädigung für Mutter, Vater, Bruder und 26.000 für das Begräbnis, welches in Nordmazedonien stattgefunden hat. Die vom Staat zugeschossenen 3.600€ seien da schon einkalkuliert, so Burger. Eine Woche vor unserem Treffen am Desider-Friedmann-Platz telefoniere ich mit Karl Newole. Der Wiener Anwalt vertritt 19 Angehörige und Opfer des Anschlags. Auf ihn aufmerksam wurde ich durch einen TV-Auftritt auf Oe24. Zusammen mit Kewen und Kexin Li, die Töchter eines erschossenen austro-chinesischen Restaurantbesitzers, erhob der Anwalt dort schwere Vorwürfe gegen die österreichische Republik. In einem früheren Interview sagte Newole, „die Entschädigungssummen verdienen den Namen ‚Entschädigung‘ gar nicht.“ Konkret hätten die beiden jungen Frauen und ihre Mutter jeweils 2.000€ erhalten. „2.000€?“, frage ich sicherheitshalber nach. Newole bestätigt. Warum seine KlientInnen – genauso wie Nedzips Familie – bis jetzt ignoriert wurden und keine zuständige PolitikerIn den Telefonhörer angerührt hat, ist dem Anwalt rätselhaft. Er kann nur mutmaßen, vielleicht ließe sich „Minister Nehammer erst dann blicken, wenn eine Klage gegen die Republik droht“, so Newole.

WUNDEN, DIE NICHT HEILEN

Einschusslöcher
Einschusslöcher vom Tag des Terrors (Foto: Mafalda Rakos)

 Kurz bevor ich die Fragen an die Pressestelle des Innenministers abschicke, fällt mir ein: Erst vorletzte Woche habe ich ein Kurier-Interview mit der Schwester und der Mutter der getöteten deutschen Kunststudentin gelesen. Dort kritisiert die in Tränen aufgelöste Mutter die österreichische Politik scharf und sagt anschließend, sie habe jetzt endlich ein Gespräch mit Innenminister Nehammer führen können und dieser habe sich „sehr empathisch“ gezeigt. Das macht für mich keinen Sinn. Warum sollte der Innenminister die Angehörigen des deutschen Opfers treffen und die Angehörigen der österreichischen Opfer mit Balkan-Background ignorieren? Stimmt der Vorwurf des Anwalts, oder ist das alles im Corona-Wahnsinn untergegangen? Ich ergänze die Fragen und drücke auf „Senden.“ Zurück im Bermudadreieck. Kaba hat mittlerweile widerwillig für unsere Kameras posiert und führt uns auf die Spur des Attentäters. „Hier wurde Nedzip erschossen und dort haben sie ihn gefunden. Schau hier vor dem Kaktus hat der Attentäter die Person erschossen, von der im Netz Kameraaufnahmen kursierten, lange bevor sie die großen Sender zeigten“, zeigt Kaba auf den Fenstervorsprung, wo das Opfer mit Schüssen niedergestreckt wurde. Wie es ihm jetzt gehe, wenn er den Tatort begeht, möchte ich von Kaba wissen.

„Ich habe Kinder zu Hause“, antwortet er. Ich bin verdutzt. Wie meint er das? „Mir geht es gut, ich habe Kinder zu Hause, die ich heute noch sehen werde. Das können die Eltern von Nedzip nie wieder behaupten.“ Er wiederholt: „Nie wieder.“ „Nie wieder.“ „Nie wieder.“ „Niemals werden die Wunden verheilen. Du kannst ja nicht Bepanthen draufschmieren und gut ist.“ Kaba spaziert weiter. Bedrückende Stille erfüllt die mit Pflastersteinen bedeckte Gasse, an denen teilweise noch die Spuren der Kripo zu sehen sind.

AUF AUGENHÖHE BEGEGNEN

 Das Sozialministerium verweist auf den eigens für Verbrechensopfer eingerichteten Verein „Weisser Ring“ (siehe Infobox „Wer hat Hilfen in Anspruch genommen?“). Der Verein kümmert sich um die Abwicklung der Leistungen an die Angehörigen des Terroranschlags. Zu diesen Leistungen gehören das Auszahlen von Schmerzensgeld (Pauschalbeiträge belaufen sich zwischen 2.000 und 12.000€), das Übernehmen der Kosten für eine etwaige Bestattung, Psychotherapie, Heilfürsorge. Es ist wichtig anzumerken, dass der Weisse Ring ein gemeinnütziger Verein ist, der im Jahr 1978 als private Initiative gegründet wurde. Hier werden Menschen hinsichtlich ihrer Rechte nach dem Verbrechensopfergesetz beraten. Die Entscheidung, Abwicklung und Auszahlung aller Leistungen liegt aber beim Sozialministeriumservice. Das ist eine dem Sozialminiaterium nachgeordnete Behörde. Der Weisse Ring steht Menschen, die durch eine Straftat in akute finanzielle Not geraten, auch mit finanzieller Hilfe zur Seite. Dafür gibt es Einkaufsgutscheine, finanzielle Soforthilfe oder die Vorfinanzierung staatlich finanzierter Ansprüche  - insbesondere von Leistungen des Sozialministeriumservices Ermöglicht wird diese Form der Unterstützung aus Spenden.
Für den Angehörigen-Vertreter Newole als auch für den Cousin des ermordeten Nedzip ist das reine Augenauswischerei. Newole verlangt eine Entschädigung von über einer Million Euro für die 19 Opfer, am besten auf einem außergerichtlichen Weg, weil ein Prozess die Angehörigen retraumatisieren könnte. „Stattdessen handelt die Regierung hier kleinkariert, man schickt die Opfer auf Gerichtswege und in den Papierkrieg“, erzürnt sich der Anwalt. In eine ähnliche Kerbe schlägt Kaba: „Jeder, der seine Arbeit nicht gut macht, muss Konsequenzen tragen“, fordert er. „Es sei ganz klar, dass das BVT (Anm. d. Red.: Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung) hier Fehler gemacht habe. Außerdem musste die Mutter von Nedzip nach ihrer sechsten Behandlung mit der Psychotherapeutin einen Antrag bei der Krankenkasse stellen, um „20–30% der Kosten rückerstattet zu bekommen“, so Kaba bedrückt.

Brief an Werner Kogler
Dieser Brief des Angehörigen-Anwalts Karl Newole an den damaligen Justizminister Werner Kogler blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Brief an Werner Kogler
Karl Newole

Wir sind am Ende unserer Terror-Tour angelangt. Kaba hat es eilig und streckt uns die Faust als Verabschiedung entgegen. Ich möchte von ihm abschließend wissen, ob er und die Familie eine verspätete Entschuldigung des Innenministers oder Bundeskanzlers annehmen würden. Er grinst: „Bei uns in Mazedonien sagt man dazu – entschuldige den Ausdruck – Scheiße mit Pisse wegwischen.“ Die Untätigkeit der Politik hat tiefe Spuren hinterlassen. Die traumatisierte Mutter, die jeden Sonntag zum Tatort fährt, um Blumen niederzulegen, sei „eine gebrochene Person, die am liebsten zu Nedzip gehen möchte. „Selbst Putin würde die Terroropfer besuchen“, wirft Kaba noch ein. Tatsächlich ist Österreichs Politik weit entfernt von den Aktionen eines französischen Präsidenten Macron, der zum Begräbnis von Terroropfern kommt, oder einer neuseeländischen Premierministerin Jacinda Ardern, die aus Solidarität zu den Opfern des Moschee-Anschlags in Christchurch ein Kopftuch trug und die Trauernden umarmte. Einladung zum Trauergottesdienst im Stephansdom wäre ein Anfang gewesen, oder auch ein Treffen des Innenministers mit Angehörigen, wie von Anwalt Newole und dem Cousin des ermordeten Nedzip Vrenezi gefordert.

Die Fragen von biber an das Innenministerium blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

In Gedenken an Nedzip Vrenezi, Qang Li, Vanessa PregerMcGillivray und das vierte Todesopfer, deren Angehörige nicht den Namen in der Öffentlichkeit lesen wollen. ●

 

UPDATE: Zusätzlich zu den Hilfeleistungen nach dem Verbrechensopfergesetz (siehe unten), errichtete die Bundesregierung einen Entschädigungsfonds für Angehörige, der mit 2.2 Millionen Euro dotiert ist. Ein Anwalt der Opfer, Karl Newole, bedauert, dass es fast ein Jahr gedauert habe, aber "besser spät als nie." Der Protagonist des gerade gelesenen Artikels, Eugen Kaba, bemängelte zuletzt in einer Puls4-Sondersendung anlässlich des Terroranschlags in Wien, dass das Innenministerium den Eltern von Nedzip noch immer nicht persönlich kondoliert habe. Das Geld "bringt uns Nedzip nicht zurück", so Kaba auf Puls4. Wie viel die Angehörigen genau aus dem neu eingerichteten Entschädigungsfonds erhalten, steht noch nicht fest. Die Verbrechensopferhilfe-Organisation "Weisser Ring" ruft Menschen auf, die beim Terroranschlag seelische oder körperliche Schäden erlitten haben, dieses Formular auszufüllen.

TERROR VON WIEN: WER HAT HILFE IN ANSPRUCH GENOMMEN?
Aus dem Sozialministerium heißt es: „Im Zusammenhang mit dem Terroranschlag in Wien am 2. November 2020 haben bislang 68 Personen Leistungen nach dem Verbrechensopfergesetz (VOG) beantragt, wovon an 41 bereits Leistungen ausbezahlt wurden. Das kann jeder beantragen, der vom Anschlag betroffen ist. Weiters heißt es: „Die Höhe der Pauschalentschädigung für Schmerzensgeld ist abhängig vom Ausmaß der erlittenen Gesundheitsschädigung. Insgesamt haben zudem 50 Opfer und Hinterbliebene um Unterstützung für Psychotherapie und/oder Krisenintervention angesucht. Davon konnten bereits 46 Anträge bewilligt werden.“ All diese Hilfen verdienen das Wort „Entschädigung“ gar nicht und wären ein Schlag ins Gesicht der Angehörigen, so Opfer-Anwalt Karl Newole, der 19 Betroffene vertritt. Der Anwalt fordert rund eine Million Euro von der Republik, am besten auf au8ergerichtlichen Weg, um die wirtschaftlichen Schäden abzufedern. Von der kurz nach dem Terroranschlag bekannt gewordenen politischen, einen Entschädigungsfonds für Hinterbliebene einzurichten, hat Newole noch nichts erfahren: „Das wurde uns versprochen, sieht jedoch mehr nach einer Beruhigungs- bzw. Marketingaktion aus.“ Aus dem Sozialministerium heißt es dazu: „Die Frage der Einrichtung eines gesonderten Fonds zur Entschädigung von Terroropfern wird derzeit auf politischer Ebene diskutiert.“
 

 

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