Der langwierige Kampf um Anerkennung, oder: Will mich Österreich überhaupt?

26. Juli 2021

Tekla Scharwaschidze
Tekla Scharwaschidze ist 21 Jahre alt und nahm an der diesjährigen biber Summer School teil.

Ein Gastkommentar von Tekla Scharwaschidze

Ich lebe nun schon ganze 18 Jahre in Österreich und stamme aus Georgien, einem Drittstaat. Das heißt, es ist mir, weder in Österreich noch in der EU, gestattet an Wahlen teilzunehmen. Mit mir, sind es schätzungsweise weitere 240.000 Menschen, die trotz Geburt und Daueraufenthalt in Österreich keine Staatbürgerschaft besitzen. Dabei liegt es oft keineswegs an den mangelnden Antragsstellungen oder fehlenden Leistungen, sondern am langwierigen Einbürgerungsprozess selbst. Denn Österreich macht hier erstaunlicherweise das Schlusslicht und zählt sogar zu den restriktivsten EU-Staaten in Sachen Einbürgerungsbestimmungen. So viel also zu den „Dann beantrage die Staatsbürgerschaft doch einfach“-Aussagen einiger Menschen. Wenn es nur so einfach wäre...

Deutschkenntnisse alleine reichen nicht

Meine Familie musste 12 Jahre lang auf das Bleiberecht warten. Neben zwei negativen Bescheiden und einigen Komplikationen, hatten wir schlussendlich das Glück doch in Österreich bleiben zu dürfen. Zahlreiche Abschiebungen dieses Jahr, wie beispielsweise die der Familie von Tina und Ana zeigten, dass eine Geburt in Österreich, respektive das Kindeswohl allein nicht entscheidend sind. Ich kann und will mir gar nicht vorstellen, wie es für mich und meine Schwester gewesen wäre, alles hier aufzugeben und in ein für uns fremdes Land zurückzuziehen. Es fällt mir deshalb auch nicht schwer, mich in die Lage von den Betroffenen hineinzuversetzen. Vernachlässigt, ausgegrenzt und aus einem Ort abgeschoben zu werden, der einem schon tief verbunden ist, entwurzelt einem enorm. Zurück bleibt, eine lebenslange Identitätssuche.

Mittlerweile hat die Gesetzgebung beschlossen die Wartezeit des Asylprozess auf maximal 5 Jahre zu beschränken. Diese Zeit wird im Einbürgerungsprozess, der eine 6- bis 10-jährige durchgehende Aufenthaltsdauer voraussetzt, jedoch nicht berücksichtigt. Das bedeutet, die 11 Jahre, die wir bislang in Österreich gelebt hatten, lösen sich rechtlich gesehen in Luft auf. Hierbei stellt die Aufenthaltsvorrausetzung neben der Erbringung von Deutschkenntnissen (die ich mit meinen ausgezeichneten Zeugniserfolgen hoffentlich vorweisen kann) nicht die einzige Hürde da. Außerdem ist ein vorzuzeigendes Mindesteinkommen notwendig, das ich als Vollzeitstudentin noch nicht besitze. Aufgrund dessen bleibt mir nur die Wahl den Antrag zusammen mit einem Elternteil zu stellen.

Bislang habe ich einige Wahlen miterlebt, an denen meine Klassenkameraden und Freunde teilnehmen durften. Meine Teilnahme war, nach den Debatten und Diskussionen im Klassenzimmer, beendet. Das hatte einige Auswirkungen auf mein persönliches Gesellschaftsbild. Einerseits fühlte ich mich nicht vollständig in den Gesellschaftsprozess inkludiert und, anderseits, förderte es die Identitätsfrage, mit der ich mich schon mein ganzes Leben lang beschäftige. Ich fragte mich, warum viele meiner Klassenkameraden eine Doppelstaatsbürgerschaft besitzen dürfen, wenn diese in Österreich grundsätzlich verboten ist. Warum angesehene Länder, wie Frankreich oder England ausgenommen werden, während der Besitz einer Doppelstaatsbürgerschaft von bspw. der Türkei oder Georgien eine Deliktsfrage darstellt.

Ich will endlich Teilhabe in der Gesellschaft.

Für viele ist die Staatsbürgerschaft ein einfaches Stück Papier, für mich ist sie der entscheidende Schlüssel zur Mitbestimmung und Anteilnahme. Eine langersehnte Anerkennung, die all die Jahre zuvor fehlte und mir nur noch mehr ermöglicht. Ohne sie, ist und bleibt es eine persönliche Barriere, auf die ich unzählige Male stoße und mir ständig die Frage stelle: Will mich Österreich überhaupt? Ich bin hier aufgewaschen und mein Lebensmittelpunkt ist hier, also habe ich dasselbe Recht wie jeder Österreicher und Österreicherin auch Kritik zu üben, meine Stimme zu erheben, aber auch angesprochen und gesehen zu werden. Und das werden zurzeit viele Menschen, die in Österreich ihr ganzes Leben verbracht haben, einfach nicht. Besonders nicht, wenn der Herr Bundeskanzler seine Reden mit „Liebe Österreicher und Österreicherinnen“ beginnt.

Viele PolitikerInnen pflegen die Auffassung, dass es einfacher ist hiergeborene- und aufgewachsene Kinder nach der Herkunft ihrer Eltern, deren Traditionen und Bräuchen zu beurteilen. Egal welche Leistungen wir bringen, trotzdem werden wir ständig auf unseren Migrationshintergrund begrenzt. In diesem langwierigen Kampf um Anerkennung vergessen wir dennoch nicht wie viel mehr wir zu bieten haben, als wo wir oder unsere Eltern herkommen. Wir sind mehr als ein gesellschaftliches Label, das mehrheitlich von den Medien und der Regierung ins schlechte Licht gezogen wird. Uns ist zweifellos klar, dass wir eine Bereicherung für Österreich sind. Wir wollen gesehen, gehört und anerkannt werden.

***

Tekla Scharwaschidze kam bereits als Zweijährige mit ihrer Familie nach Wien und lebt seit 19 Jahren in der Stadt, dennoch hat sie noch keine Staatsbürgerschaft. Sie studiert Wirtschafts-und Sozialwissenschaften an der WU, war Gewinnerin des Mehrsprachigkeits-Redewettbewerbs “Sag’s Multi!” des Vereins Wirtschaft für Integration, ist nun auch Vorstandsmitglied im Folgeverein “Strong Minds Connect” und hat in ihrer Tätigkeit mit unzähligen talentierten und engagierten jungen Menschen mit Migrationshintergrund zu tun.
Aus ihrer Sicht, ist die Verleihung der  Staatsbürgerschaft eine Anerkennung und sollte für hier lebende, geborene und aufgewachsene Menschen kein Hindernis darstellen.

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