"Der Hijab ist so viel mehr als ein Stück Stoff"

09. Juni 2021

 “Seit einem Jahrzehnt sind  muslimische Frauen dem öffentlichen Druck ausgesetzt. Es so wird getan, als ob ihr Hijab im Westen nichts zu suchen hätte. Die Medien deklarieren sie als stimmlose, zurückgebliebene Frau, der es nur durch das Ausziehen gelingen könnte, integriert und frei zu sein.“ Die 14-Jährige Schülerin Nadin Khalil über Verbote, Gebote und den „politischen Islam.“

Von Nadin Khalil

Während die österreichische Gesellschaft jahrelang über Kopftücher diskutierte und damit einen Stellvertreterkrieg gegen den Islam auf Kosten der Freiheit ihrer muslimischen Mitbürgerinnen austrug, prägt nun ein neuer Begriff die österreichische Politiklandschaft: der politische Islam. Manch einer hätte gedacht, dass die Kopftuch- und Burkadiskussion an Absurdität nicht mehr übertroffen werde hätte können .Wir erinnern uns an die zahlreichen Strafen gegen Radfahrerinnen, die ihre Nasen vor dem kalten Wind schützen wollten, oder das gleichzeitige Vermummungsverbot und die Maskenpflicht. Doch nun wurden die Blicke von den Köpfen muslimischer Frauen auf einen neuen Begriff umgeleitet: Der politische Islam. Das Problem? Niemand weiß so genau, was das eigentlich sein soll - doch am wenigsten noch ich: Eine Schülerin, die sich doch mit dem Islam auskennt- sollte man meinen.  In der Schule und wahrscheinlich auch im Lehrerzimmer bin ich, so wie viele andere muslimischen Mädchen, wegen dem Kopftuch ein ständiges Diskussionsthema. Viele LehrerInnen sagen mir ungefragt ihre Meinung über mein Aussehen und ziehen falsche Schlüsse. Schuld daran sind die Vorurteile, die es über den Islam gibt und die unreflektiert ständig in den österreichischen Medien und vor allem auch von der Politik wiedergegeben werden. Dazu gehört zum Beispiel, dass Mädchen gezwungen werden, einen Hijab anzuziehen und unterdrückt werden. 

Die Autorin/Bereitgestellt
Die Autorin/Bereitgestellt

Bin ich denn wirklich frei?  

„Du bist frei, solange dich keiner unterdrückt“ - Bin ich denn wirklich frei?  Liebe Menschen, die ihr mir erklären wollt, dass meine Familie oder meine Religion mich unterdrücken würde und “eure” Kultur vielleicht die bessere wäre: Als muslimische Schülerin mit Kopftuch kann ich sagen, dass ich in einem Land, in dem Freiheit oberste Priorität hat, nicht frei bin, und der Islam hat nicht die Schuld daran. Wenn ich die Diskriminierung und den Rassismus, den ich erlebe, anspreche, dann sagen die Leute, ich würde nur übertreiben und dass ich aus meiner Traumwelt erwachen soll.  

Die österreichische Regierung meint, dass die Frauenpolitik eine wesentliche Säule der Politik sei und dass es dramatisch wäre, dass wir uns noch im 21.Jahrhundert mit der Gleichstellung am Arbeitsplatz auseinandersetzen müssten. Auch sagen die Politiker, dass sie jedem, der sich integrieren will, eine Chance geben müssten und dass sie friedlich Leben wollen. Doch sind das für mich nur leere Worte, wenn darauf nicht die entsprechenden Taten folgen – und diese blieben bisher aus. Der antimuslimische Rassismus hat unter der türkisen Regierung, zugenommen. Den Hass zu spüren bekommt man vor allem im Internet und im öffentlichen Raum. Im November 2020 nach dem Terroranschlag, ist die Verbreitung von Hass und Verhetzung sehr drastisch gestiegen. Das ist ein Beweis, dass man alle Muslime in die gleiche Schublade steckt und nichts vom Islam verstanden hat.  

 

Der Hijab ist also viel mehr als ein „Stück Stoff“.

Es gibt Frauen, die von den Kulturen ihrer Heimatländer unterdrückt werden, aber vielmehr werden die Muslimas in Europa von den Politikern und der Bevölkerung unterdrückt, diskriminiert und nicht akzeptiert. Europa und islamophobe Menschen lenken die Schuld von sich, drehen den Spieß um und geben dem Islam die Schuld daran, dass die Frauen leiden. Dank der Regierung müssen wir uns rassistische und diskriminierende Aussagen anhören, denn es sind schließlich die Politiker, die die Bevölkerung dazu bringen, so über die Muslime zu denken.  Auf Social Media kursieren einige Videos, in denen sich Muslimas über das Hijab-Verbot bis 18 Jahren in Frankreich aufregen. Dabei fiel in jedem Video der Satz „Was habt ihr gegen ein Stück Stoff, das niemandem etwas antut?“ Ist es denn wirklich nur ein Stück Stoff? Nein, denn es ist das Stück Stoff, das von muslimischen Frauen getragen wird. Kein anderes „Stück Stoff“ ist so störend für die Politiker, wie der islamische Hijab, während sowohl Nonnen ungestört herumlaufen können als auch junge Mädels, die Kopftücher als Modeschmuck tragen. Der Hijab ist also viel mehr als ein „Stück Stoff“. Seit einem Jahrzehnt ist die muslimische Frau dem öffentlichen Druck ausgesetzt, es wird getan, als ob ihr Hijab im Westen nichts zu suchen hätte. Die Medien deklarieren sie als stimmlose, zurückgebliebene Frau, der es nur durch das Ausziehen gelingen könnte, integriert und frei zu sein. Infolge dieser Diskreditierungen gelang es der Politik, diese Gesinnung in die Mitte der Gesellschaft zu tragen, sodass Muslimas sogar vor physischen Angriffen nicht mehr sicher sind. Doch warum wehren sich viele nicht, oder kontern bei diskriminierenden Aussagen? Die Tatsache, dass selbst manche Angehörige von Minderheiten nichts gegen rassistische Wendungen haben, bedeutet nicht etwa, dass diese nicht rassistisch sind, sondern, dass diese Menschen sich mit dem Machtverhältnis, das schon immer auf sie ausgeübt wurde, angefreundet haben.  Es beginnt oben in der Politik und endet nicht einmal in der Schule.  

 

 

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